Kritik Ulmer Verbände empört über Walter Feucht

Fühlt sich nicht als Demagoge: Kolumnist Walter Feucht. 
Fühlt sich nicht als Demagoge: Kolumnist Walter Feucht.  © Foto: lars schwerdtfeger
Ulm / Ulrike Schleicher 13.02.2018
TSG-Vorsitzender Walter Feucht in öffentlicher Kritik, weil er sich über Flüchtlinge ausgelassen hat.

Er betrachtet sich gern als Querdenker. Als einen, der das ausspricht, was andere nur denken. Derart gerüstet schreibt der Ex-Stadtrat, TSG-Vorsitzende und Unternehmer Walter Feucht seit Jahren eine Kolumne im monatlich erscheinenden Ulmer Stadtmagazin „Spazz“. Die Themen und Personen, die er aufs Korn nimmt, sind vielfältig. Im Dezember waren – wieder einmal – Flüchtlinge, Zuwanderer und Migranten an der Reihe.

Unter dem Titel „Schlarrafiade“ schrieb der 68-Jährige unter anderem, dass möglicherweise mehr als eine halbe Million Flüchtlinge untergetaucht seien, sprach von „vom Johannistrieb getriebenen Junghengsten“ in der Kölner Silvesternacht, von einem „Maghrebgebildeten, der masturbiert“, verglich die seiner Meinung nach beschönigenden Formulierungen der Kanzlerin mit der Propagandasprache der Nationalsozialisten.

Auch in den Sozialen Medien wurden Feuchts Ausführungen diskutiert:

Mit seiner Kolumne hat Feucht offenbar eine rote Linie überschritten: 38 Ulmer Organisationen der Ulmer Zivilgesellschaft, darunter die Ulmer vh, der Flüchtlingsrat Ulm/Alb-Donau und die Behindertenstiftung Tannenhof, haben in einem offenen Brief an den Herausgeber des „Spazz“, den KSM-Verlag und dessen neuen Verlagsleiter Michael Köstner aufgefordert, für den „offenen und ehrlichen Journalismus“ einzustehen, den er für sein Stadtmagazin selbst beanspruche:

„Wir denken, dass es die verlegerische Pflicht des KSM-Verlags sein muss, eine Kolumne, die mit dem Begriff des ,Quergedachten’ kokettiert, in Wahrheit aber völlig unausgegorene, schlicht ,verquere’ Ansichten des Herrn Feucht propagiert, vor einem Abdruck sorgfältig zu prüfen. „Wir erwarten, dass dies in Zukunft anders wird“, heißt es in dem Brief, der auch an die Ulmer und Neu-Ulmer Verwaltungen und Kommunalpolitiker ging. Feucht stelle Flüchtlinge, Migranten und Zuwanderer“ völlig undifferenziert unter Generalverdacht, „da wird herabgewürdigt („Maghrebgebildete“), gedemütigt, angegriffen und verletzt“.

KSM-Verlagsleiter Michael Köstner war gestern auf Nachfrage bis zum Redaktionsschluss nicht erreichbar. Walter Feucht widersprach der Darstellung im Offenen Brief auf SWP-Nachfrage. Seine Kritiker sollten die Kolumnen genauer lesen, schließlich habe er von „möglicherweise“ gesprochen und beziehe sich auf seriöse Quellen wie die „Welt am Sonntag“, den „Focus“ und die Universität Bremen. „Man sollte mir nicht Demagogie vorwerfen“, so Feucht, „sondern prüfen, ob man nicht selbst Demagoge ist“. Er habe keine falschen Tatsachen behauptet und schreibe an seiner nächsten Kolumne. Nur mit dem erhobenen Zeigefinger zerstreue man keine Zweifel und keine Ängste.

Die Diskussion um die Kolumne habe schon im Dezember  begonnen, sagte Lothar Heusohn vom Ulmer Weltladen, auf Anfrage. Das Resultat: „Wir müssen reagieren.“ Öffentlich. „Was Walter Feucht macht, ist unverantwortlich.“ Mit seinen Behauptungen schädige er die Arbeit vieler in der Stadt, bis zur Stadtspitze, die sich um ein gedeihliches Miteinander aller bemühten. Dies mit Hilfe seiner Aura des Unternehmers, Familienvaters und Vorsitzenden der TSG Söflingen. Ähnlich sieht das Dieter Lang vom Flüchtlingsrat: „Ich bin froh, dass sich  ein breites Bündnis gebildet hat, auch die Stadt sollte reagieren. Schließlich will Feucht ja Geld für sein Sportopia.“

Andere Erfahrungen

In der TSG sei die Kolumne des Vorsitzenden offiziell noch kein Thema gewesen, sagte der stellvertretende Vereinsvorsitzende Uli Gebhard und sieht auch keinen Widerspruch: Denn der Verein kümmert sich von Beginn an vorbildlich um Flüchtlinge, zahlreiche Mitglieder sind Menschen mit internationalen Wurzeln. Klar sei: „Ich habe bei diesem Thema eine völlig andere Meinung und andere Erfahrungen als Feucht“, sagte er. Gebhard vertritt als Anwalt rund 400 Geflüchtete – „da ist noch keiner untergetaucht“.  Was er in der Kolumne lese, sei zum Teil auch einfach falsch. Trotzdem: Feucht könne selbstverständlich seine Meinung haben. Mit dem Verein habe das nichts zu tun. Er leiste als Vorsitzender hervorragende Arbeit.

In der Stadtpolitik ist der Brief Thema. Während die Freien Wähler das Thema zur „Privatsache“ erklärten, sagte der SPD-Landtagsabgeordnete Martin Rivoir: „So etwas darf man nicht ignorieren. Bei demagogischen und menschenverachtenden Äußerungen muss man dagegen halten.“

Auch die Grünen äußerten sich. „Die meisten Sportverbände, allen voran der DFB, positionieren sich klar gegen Rassismus und Fremdenfeindlichkeit“, sagte Stadträtin Sigrid Räkel-Rehner. Und weiter: „Da finde ich unpassend, dass Herr Feucht im Vorstand des Stadtverbands für Sport mitwirkt. Zumal er darauf hinweise, mit dem ,Mainstream’ der Sportverbände nicht übereinzustimmen. „Die Meinungsfreiheit sei ein hohes Gut. Sie gelte selbst für solche, die gerne Argumentation durch Provokation ersetzten, und Fakten durch persönliche Angriffe. Aber man sei gewarnt, einem Feucht zu glauben, so Räkel-Rehner: „Sechs nachweislich falsche Angaben in 18 Beiträgen sind dafür deutlich zu viel.“