Ulmer Zelt Ulmer Zelt: Ein Finale zum Niederknien

Weltklasse auf dem Bass im Ulmer Zelt: Marcus Miller.
Weltklasse auf dem Bass im Ulmer Zelt: Marcus Miller. © Foto: Volkmar Könneke
Ulm / Helmut Pusch 09.07.2018

Ein Star, der nicht nur großartig, sondern geradezu beseelt auf der Bühne des Ulmer Zelts Weltklasse zelebriert. Ein Liedermacher, der vor den Besuchern in der Au ein leidenschaftliches Plädoyer für das Festival hält. Zufriedene Zeltmacher, die es geschafft haben, in allen Disziplinen eine Punktlandung hinzulegen: Das war schlicht ein Finale nach Maß für diese 32. Spielzeit des Ulmer Zelts.

Für den letzten Abend der Saison hatten sich die Zeltler einen ganz Großen eingeladen: den Bassisten Marcus Miller. Der gehört zu den Spitzenkräften an den vier Saiten, ist nicht nur auf mehr als 500 Alben zu hören, sondern auch ein gesuchter Arrangeur und Komponist. Und das quer durch den musikalischen Kosmos. Er hat ebenso für Miles Davis gespielt, produziert und geschrieben wie auch für Luther Vandross und Aretha Franklin. Ein Jazz-Gigant, der auch ganz anders kann, ein Musiker, der technisch verblüfft, dabei seine Zuhörer aber jederzeit mitnimmt.

Junge Talente

Und dafür hatte Miller eine ausgezeichnete junge Band mitgebracht: den Pianisten Brett Williams, den Saxophonisten Alex Han, den Trompeter Russell Gunn und Alex Bailey am Schlagzeug. Eine Band, die Millers Ruf als Entdecker und Förderer von Talenten mehr als gerecht wurde.

Wie natürlich Miller seine oft komplexen Strukturen vermittelt, wie elegant er da dekonstruiert und das Ganze wieder neu zusammensetzt, zeigte etwa der Temptations-Klassiker „Papa Was A Rolling Stone“. Der begann natürlich mit dem berühmten Bass-Riff, das die gut 600 Zuhörer im Zelt schon nach dem dritten Ton frenetisch beklatschten. Das war’s dann aber auch über weite Teile mit dem Nachspielen. Denn minutenlang widmeten sich Miller und seine Bläserkollegen voll den Gesangsstimmen, ignorierten das Instrumentalarrangement dabei völlig – ein irgendwie instrumentales­ ­A cappella. Ebenso großartig wie witzig. Als Miller in Ger­shwins „I Loves You Porgy“ zum Fretless-Bass griff und ihn wie eine menschliche Stimme singen ließ, war das zum Niederknien.

So richtig emotional wurde es aber, als Miller seinen Titel ­„Preacher’s Kid“ seinem vor zwei Monaten verstorbenen Vater widmete. Der war selbst Pianist gewesen und träumte davon, Profimusiker zu werden. „Aber dann kamen ich und mein Bruder auf die Welt, und er musste sich entscheiden. Danke Papa, dass du Dich für einen festen Job entschieden hast und Busfahrer geworden bist. Und ich bin stolz, dass ich Deinen Traum leben darf“, sagte der 59-Jährige, den Miles Davis als 21-Jährigen in seine Band geholt hatte, griff zur Bassklarinette – auch auf der ist Miller eine Klasse für sich – und spielte eine bewegende und beglückende Version von „Preacher’s Kid.“

Fast schon unheimlich

Regelrecht glücklich zeigte sich auch Zeltsprecher Günther Heiser bei der Bilanzpressekonferenz der Spielzeit. „Das lief dieses Jahr alles bestens. Schöne Konzerte, ein zufriedenes Publikum, glückliche Künstler, die ihrem Publikum fünf Minuten lang erzählen, wie toll unser Festival ist“, spielte Heiser auf den niederländischen Liedermacher Tim Vantol an, der am Freitagabend bei seinem Konzert ein flammendes Plädoyer fürs Zelt und dessen mehr als hundert ehrenamtliche Helfer gehalten hatte.

Zehn Mal war das Zelt diese Saison ausverkauft, zu 35 Abendveranstaltungen kamen 20 500 Gäste, zum Kinderprogramm weitere 7000 und den Biergarten besuchten 50 000. Zahlen, die man aus den Vorjahren so in etwa kennt. Was dieses Jahr allerdings besonders war: „Wir haben es erstmals geschafft, dass das Publikum auf breiter Ebene gekommen ist“, sagt der Zelt-Hauptamtliche Jan Ilg. „Jeder Abend lief fast genauso, wie wir ihn kalkuliert hatten. Das ist schon fast unheimlich“. Unheimlich gut.

Kumpeltyp aus den Niederlanden: Tim Vantol

Country, Folk und Punk „Wie zur Hölle seid Ihr hergekommen?“ Tim Vantol zeigte sich verwundert, als der größte Teil des Publikums im Ulmer Zelt per Handzeichen zu erkennen gab, dass es zum ersten Mal eine Show des jungen Musikers aus Amsterdam besuche. Jede Menge mutige Musikliebhaber, die das nicht ganz so üppig gefüllte Zelt mit Stimmung erfüllten. Mittlerweile dürfte Vantol einen guten Ruf in Ulm genießen. Im Frühjahr erst spielte er beim Musikmarathon, im Herbst im Hemperium, und Support für Itchy Poopzkid war der fließend Deutsch sprechende Kumpeltyp auch schon. Der Roots Rock, den er im Zelt mit Bandunterstützung (E-Gitarre, E-Bass, Schlagzeug) zelebrierte, sprach für sich. Die Songs des Studioalbums „Burning Desires“ (Eminorseven/Rough Trade) überzeugten mit zeitlosen Klängen zwischen Country, Folk und frech hingerotztem Singer-Songwriter-Rock und der Energie des Punk. Vielleicht war es auch einfach nur die natürliche Art, mit der Vantol sein Publikum abholte. Wenig Verständnis zeigte er für eine gewisse Reserviertheit des Publikums beim Mitsingen diverser Refrains. „Ihr seid die ganze Woche am Arbeiten und dann kommt so ein bescheuerter Holländer an und will, dass ihr mitsingt!“ Und wie es dann geklappt hat. „Follow Your Heart“, „Restless“ und das Proclaimers-Cover „I’m Gonna Be (500 Miles)“ – alles amtliche Garanten für einen gelungenen vorletzten Abend der diesjährigen Zeltsaison. Angesichts so viel Publikumszuspruchs spielte die Frage nach Motivation keine Rolle mehr. Christoph A. Schmidberger

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