Freitag vor einer Woche war ich noch in Afrika, auf dem Weg von Tansania nach Kenia“, erzählt Philipp Zey, während er sein Fahrrad abstellt. Was ursprünglich mit der Idee begann, zur Donauquelle in Donaueschingen zu fahren, endete nun nach fast drei Jahren Weltreise auf dem Fahrrad wieder in Ulm. Das Ende war eigentlich erst zum Jubiläum von Radio Free FM im Juli geplant, für das Zey regelmäßig berichtet hat. Wegen der Corona-Krise ist der 37-Jährige jetzt schon zurück in der Heimat.

Auf seine Tour, seine erste Radreise, hat sich der ehemalige Physikstudent untrainiert und unerfahren gemacht. Zurückgekehrt ist er nun als selbsternannter „Kulturkrieger“ und um viele Erfahrungen reicher. „Ich habe geweint, als ich eben wieder durch die Friedrichsau gefahren bin und die Menschen dort gesehen habe“, sagt Zey. Der Überfluss und der Luxus, den er hier sieht, erschlägt ihn. „Immer wieder kommen Bilder aus Afrika hoch. Der Kontrast ist enorm.“

Die letzte Etappe seiner Reise führte ihn durch Tansania Richtung der kenianischen Grenze. Dort wurden seine Reisepläne abrupt durchkreuzt: „In der Botschaft machte mir der Beamte schnell klar, dass meine Freiheit wegen Corona vorbei ist und ich den Bus nehmen solle. Auf dem Boden in der Botschaft lag ein Asiate, in Handschellen und mit Mundschutz. Der Beamte war hysterisch, und man hat gespürt, dass er irgendwie Angst hatte.“

Am Ende war es mühselig

Also ging es 400 Kilometer zurück nach Bagamoyo, an der Küste Tansanias, wo ihm ein Freund Unterkunft gewährte. „Am Ende hat es nicht mehr so viel Spaß gemacht. Es war mühselig aufgrund der schlechten Straßenverhältnisse, und ich musste oft bis zu zehn Tage lang fahren, ohne wirklich längere Aufenthalte.“

Zey blickt zurück in die vergangene Wochen: Wenn er in eines der kleinen afrikanischen Dörfer einfuhr, zeigten die Menschen mit dem Finger auf ihn. Von anderen Reisenden wusste er, dass manche sogar mit Steinen beworfen wurden. Die Einheimischen glauben, dass Touristen das Virus bringen. Zey lernte, dass „Sina Corona“ bedeutet, er habe kein Corona. Er verstand die Feindseligkeit und Angst der Menschen. „Eine Quarantäne wäre niemals möglich, denn die Einheimischen leben von der Hand in den Mund. Außerdem beträgt die HIV-Quote in Afrika teilweise bis zu 20 Prozent.“

Eigentlich hätte Zey in Tansania an einer Schule arbeiten können, die hat nun aber geschlossen. Für ein Rückholprogramm hatte er sich beworben, das galt jedoch nur für Krisengebiete, und dazu zählte das Land nicht.

Krisenstimmung am Flughafen

Den entscheidenden Schritt tat schließlich Mona, eine gute Freundin, die inzwischen in Berlin lebt, indem sie ihm einen Rückflug organisierte und buchte. „Dafür bin ich wirklich dankbar. Ich selbst hatte eigentlich keinen Plan. Die Alternative wäre gewesen, sich dort erst mal zu verstecken und zu ,überwintern’.“

Der Flug ging von Sansibar, am Flughafen herrschte Krisenstimmung. „Man wusste nicht, welcher Flug wirklich geht und welcher nicht. Als ich dann im Flieger saß, meinte ein anderer Passagier, das sei die allerletzte Maschine von Qatar Airways gewesen, die dort abhebt.“

Ursprünglich hatte er vor, erst nach Äthiopien und eventuell über den Sudan nach Kairo und später nach Lissabon zu fahren, und dann erst zurück nach Ulm. Nun ist Philipp Zey schon zurück – im Schlepptau seine drei Wegbegleiter: Golfschläger, Posaune und Spätzlebrett – die Satire einer „Bucket List“, wie er sagt.

Jazz für die Gastgeber

Mit dem Golfschläger wollte Zey sich selbst immer wieder neue Ziele stecken und spielen, wo noch nie ein Mensch zuvor gespielt hat. „Ob am Opernhaus in Sydney, bei den Viktoriafällen oder am Kap der Guten Hoffnung – ich fahr’ dorthin und schlag’ einen Ball.“

Mit der Posaune spielt der Jazzer seinen Gastgebern gerne etwas vor. Die sprachliche Verständigung war zwar oft schwer, aber Musik kennt bekanntlich keine Grenzen.

Auch sein Spätzlebrett hat Zey in jedem der bereisten Länder benutzt. Die Leute mit seinen schwäbischen Kässpätzle zu bekochen, war eine Geste des Dankes. „Geld will keiner, du bist bei den Menschen eingeladen“, erklärt er. Besonders in Afrika und Asien sei aber Käse oft schwer zu finden gewesen und dann auch sehr teuer.

Wichtig war natürlich sein Laptop. Damit konnte sich Philipp Zey alias „fillyroundtheworld“ vernetzten und alle zwei Wochen auf Radio Free FM von seinen Erlebnissen erzählen. „Jede Radiosendung zu produzieren, war ein ganz eigenes Abenteuer. Zum Beispiel saß ich in Rumänien am Lagerfeuer mit meinem Laptop und Powerbank und plötzlich waren lauter Leute um mich herum und haben Party gemacht.“

Immer wieder verwurzeln

Möglichst viele Orte zu besuchen, war ihm nie wichtig. „Viele Leute gehen zum Beispiel nach Indien, um bestimmte Sachen wie den Taj Mahal zu sehen. Ich liebe Indien, aber nicht wegen der Orte, sondern wegen der Menschen, denen ich auf meiner Reise begegnete.“ Zey gefielen Länder dann, wenn er sich dort „verwurzeln“ konnte. Ihm ging es nicht um Fotos,um sie später vorzuzeigen, sondern um das Gefühl, das er an den Orten im Herzen spürt. Besonders in Herz geschlossen hat er Schröder, ein deutsches Dorf in Südbrasilien. Weitere Lieblingsorte?  Überall, wo er sich wohlfühlte, wo es Essen und einen Schlafplatz gab.

Oft campte er mit seinem Zelt in der Natur. In Deutschland ist Wildcampen nicht erlaubt. „Das scheint ein typisch deutsches Problem zu sein“, lacht der Ulmer „Die Deutschen müssen lockerer werden, vieles ist irgendwie überreguliert. Man verhält sich fast schon zu korrekt.“

Besonders im ersten Jahr habe er schon hin und wieder Heimweh gehabt, doch in der Ferne hat er dann viele Bekanntschaften geschlossen. „Einsamkeit ist eine Gefängnistür, die sich nur von innen öffnen lässt“, weiß er. Eine Fahrradreise sei dafür ideal, denn auf Autoreise oder selbst beim Backpacking sehe man zwar Städte oder Strände, aber man lerne die Leute nicht wirklich kennen. „Mit dem Fahrrad ist man langsamer, die Welt kann reagieren, und du kannst mit ihr interagieren.“ So kam es zu Einladungen und Gesprächen, wie er es in Touristenstädten kaum erlebt hätte.

Nach der Krise eine Party

Die Weltreise vorbei, nun beginnt für Philipp Zey ein neuer Lebensabschnitt. Vielleicht wird er nochmals losziehen, wenn er älter ist, jetzt wird er sich erstmal ausruhen und Pläne schmieden. Nach der Corona-Krise will er eine „Welcome back Party“ in seinem Stammlokal „Sauschdall“ feiern. Außerdem spielt er mit dem Gedanken, seine Reise in Form eines Buches oder auch Hörbuchs aufzuarbeiten.

Die Reise hat Philipp Zey geprägt. Er hat Unterstützung erfahren, er hat gelernt, seinen eigenen Weg zu finden, weniger zu reden, und einfach zu machen. Frei nach dem Lebensmotto „Hakuna Matata“: Sei individuell und mach dein Ding!

Kreuz und quer durch die Welt


Reiseroute Natürlich hat der Ulmer Fahrrad-­Weltreisende Philipp Zey einige Strecken auch per Bus,  Bahn oder Flugzeug zurückgelegt. Von Deutschland aus ging es über Österreich, Slowakei, Ungarn, Serbien, Bulgarien, Rumänien, Moldawien, Ukraine, Russland nach Georgien. Dann ging es nach Sri Lanka, von dort ging es über Indien, Bangkok, Malaysia, Singapur und Indonesien nach Australien. Anschließend flog Philipp Zey nach Neuseeland und weiter nach Argentinien, von wo er nach Brasilien reiste. Danach ging die  Reise nach Südafrika, durch Namibia, Botswana, Sambia und Tansania.