Ulm Ulmer Synagoge mit Festakt eröffnet

Ulm / CHIRIN KOLB 02.12.2012
Der Bundespräsident in Ulm und viel weitere Prominenz, hohes Interesse der Bürger und feierliche, bisweilen ausgelassene Stimmung: Die Eröffnung der Synagoge war ein herausragendes Ereignis für die Stadt.

Eines wünsch’ ich vom Ewigen,
das erbitte ich, dass ich möge
bleiben im Hause des Ewigen all
meine Lebenstage, zu schauen
die Anmut des Ewigen, und ihn
aufzusuchen in seinem Tempel.

Psalm 27,4 – Aufschrift auf dem Tora-Schrein der neuen Ulmer Synagoge



Es war ein feierlicher Moment, als Rabbi Shneur Trebnik am Sonntagnachmittag die Mesusa, eine Schriftkapsel mit Worten aus der Tora, am Türpfosten der Synagoge anschlug. Es war feierlich, als Landesrabbiner Netanel Wurmser eine kleine Kerze als Zeichen der Gegenwart Gottes anzündete. Es war ein fröhlicher Moment, als beim Lied „Shalom Aleichem“ (Friede sei mit dir) fast alle im Zelt auf dem Weinhof, in das die Eröffnung der Synagoge übertragen wurde, mitklatschten. Glühpunsch wurde ausgeschenkt, Krapfen wurden gereicht, die Stimmung war gelöst.

Feierlichkeit und Freude hatten beide Platz bei der Eröffnung des jüdischen Gemeindezentrums. Redner wie Bundespräsident Joachim Gauck, Dieter Graumann, der Vorsitzende des Zentralrats der Juden in Deutschland, oder Ministerpräsident Winfried Kretschmann erinnerten an die dunklen Zeiten der Geschichte, als Juden verfolgt und systematisch ermordet wurden. Vor allem aber schauten die Festredner in die Zukunft: Mit der Synagoge am Weinhof hat jüdisches Leben wieder mitten in der Stadt seinen Platz. Das Gemeindezentrum soll, wie Graumann sagte, „ein pulsierender Ort“ sein, offen, der Stadtgesellschaft zugewandt, „schrecklich normal und kein bisschen museal“.

Jüdisches Leben mitten in der Stadt – das gab es buchstäblich und für jeden sichtbar vor der Eröffnungszeremonie beim Umzug der Tora-Rolle vom Judenhof zum Weinhof. Rabbiner und Gemeindemitglieder trugen die neue, extra angefertigte Tora unter Singen und Tanzen in einem feierlichen Zug zur Synagoge, begleitet von hunderten Bürgern. Auch im 1000 Menschen fassenden Zelt war der Andrang groß, alle Sitzplätze auf den Bänken waren belegt, etliche mussten die Übertragung im Stehen verfolgen. Die Eröffnung der Synagoge stieß bei den Bürgern – und den Medien – auf großes Interesse.

Gut so, findet OB Ivo Gönner. Juden waren vor der Nazi-Herrschaft ein fester Bestandteil der städtischen Gesellschaft, und sie sollen es wieder sein, sagte er. Als er die von der Stadt zur Synagogen-Eröffnung eingeladenen ehemaligen Ulmer Juden und ihre Nachkommen begrüßte, gab es im Zelt auf dem Weinhof den größten Beifall. Der Bau der Synagoge sei ein Symbol des Vertrauens der Juden in die Zukunft. „Wie auch Kirchen und Moscheen ist sie ein Spiegel des gesellschaftlichen Lebens in Ulm.“ Menschen aus 140 Ländern leben in der Stadt, Menschen aus vielen unterschiedlichen Kulturen und mit unterschiedlichen Religionen. „Sie alle können und müssen dazu beitragen, dass wir den Frieden in unserer Stadtgesellschaft bewahren.“

Dass in Ulm einmal wieder eine Synagoge stehen würde, hätte sich Rabbi Trebnik nicht träumen lassen, als er mit seiner Frau vor zwölf Jahren aus Israel kam, ohne ein Wort Deutsch zu sprechen und ohne jemanden in der Stadt zu kennen. Zur Eröffnung waren nun seine Eltern und Schwiegereltern aus Israel angereist. Unter den Gästen waren auch Bildungsministerin Annette Schavan und, an seinem Geburtstag, Landesbischof Gebhard Fürst. Dass sie alle da waren, angefangen vom Bundespräsidenten, zeige, sagte Trebnik, „wie wichtig ihnen die Religionsfreiheit ist“.


Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel