Ulm / CHRISTOPH MAYER Schluss mit Herrschaftswissen. Viele Daten schlummern in kommunalen oder firmeninternen Rechnern, obwohl alle Menschen davon profitieren könnten. Studenten wollen diese Daten frei zugänglich machen.

Angefangen hat es mit den Bussen, sagen Benjamin Erb und Stefan Kaufmann. Die beiden 26-jährigen Ulmer Medieninformatikstudenten und ihre Mitstreiter ärgerten sich darüber, dass die elektronischen Anzeigetafeln der SWU - in der Stadt an fast jeder Haltestelle anzutreffen - ausgerechnet auf dem Uni-Campus fehlen, obwohl dort täglich Tausende ein- und aussteigen. Irgendwie muss man die Fahrtzeiten doch publik machen können, sagten sie sich, und nahmen Kontakt mit dem Nahverkehrsverbund "DING" auf. Die Fahrplandaten auf der dortigen Website bereiteten sie auf, indem sie eine permanente Abfrage simulierten, und transferierten das Ganze auf eine Internet-Seite der Uni-Fachschaft Elektrotechnik. Ergebnis: Unter "uni-ulm.de/bus" hat man jetzt sogar vom Smartphone aus rund um die Uhr Zugriff auf die aktuellen Abfahrtszeiten an den Haltestellen "Uni-West" und "Uni-Süd".

"Es geht uns nicht nur um Fahrpläne" sagt Erb. Ob Bevölkerungsstatistiken, Wahlergebnisse oder geologische Informationen: Viele solcher mit hohem Kostenaufwand und oft sogar aus Steuergeldern erhobenen Datensätze schlummern auf kommunalen oder unternehmenseigenen Rechnern, ohne je an die Öffentlichkeit zu dringen. Was schade sei.

Lizenzfreie Daten aus Ulm zu beschaffen und sie im Netz für jedermann zugänglich zu machen: Das ist das Ziel der Hochschulgruppe "Datalove", die Erb und Kaufmann mit mehreren Kommilitonen gegründet haben und die sie neben ihrem Studium betreiben - "rein hobbymäßig". Die Philosophie dahinter beschreibt Kaufmann so: "Die besten Ideen, was man mit Daten anstellen kann, kommen oft nicht von denen, die diese Daten besitzen."

Ausgangspunkt für das Informations-Recycling war ein Workshop der Stadt Ulm vor zwei Jahren, erinnert sich Erb. Städtische Mitarbeiter stellten den Studenten Geodaten zur Verfügung, aus denen diese eine interaktive Ulm-Karte mit Stadtteilen und -vierteln entwickelten. Spielerei? Nicht nur, sagt Kaufmann. Zum Beispiel könne ein Nutzer nun genau bestimmen, ob er noch in der Oststadt oder bereits in der Neustadt stehe. "Viele wissen nämlich gar nicht, wo die Grenze verläuft."

Aktuell basteln die Studenten an einem neuen Projekt mit den Entsorgungsbetrieben (EBU) der Stadt Ulm. Die haben zugesagt, den Studenten die Geodaten sämtlicher Standorte von Altglas-, öffentlichen Papier- und Altkleidercontainern zur Verfügung stellen. Ziel: die Erstellung einer Internet-Karte. Die Idee dazu kam auf, als ein Mitglied der Hochschulgruppe vor einigen Monaten extra ein Car2go gemietet hatte, um damit alte Klamotten wegzubringen, erzählt Kaufmann. "Er fand aber nur Glascontainer und fuhr ewig suchend durch die Stadt, bis er einen Kleidercontainer gefunden hatte. Die Fahrt wurde teuer."

Fahrt aufgenommen hat "Datalove" im vergangenen Sommer, als ein paar Mitglieder an einem Programmierwettbewerb teilnahmen: In nur 48 Stunden entwickelten die Ulmer eine Anwendung, mit der sich Positionen von öffentlichen Verkehrsmitteln beinahe in Echtzeit auf dem Computerbildschirm verfolgen lassen. Vieles weitere sei in Zukunft möglich, sagen Kaufmann und Erb. Städtische Baustellen, Bauvorhaben, Feinstaubwerte. . . alles Daten, die man "veredeln" und dann publik machen könne.

So weit ist man noch nicht. "Wir sind erst dabei, einen Trampelpfad durchs Gebüsch zu schlagen", sagt Kaufmann. Die zeitlichen Kapazitäten sind voll ausgeschöpft, weitere Mitglieder willkommen. "Nicht nur Informatiker, sondern alle, die sich mit Statistik auskennen", also auch Mathematiker oder Psychologen. "Bei uns kann sich jeder seinem Zeitbudget entsprechend einbringen", sagt Kaufmann.

Gibt es nicht auch Vorbehalte seitens derer, die die Daten besitzen? "In der Region fürchten nur wenige, die Deutungshoheit über ihre Statistiken zu verlieren", sagt Kaufmann. Insbesondere die Stadt Ulm und da allen voran Bürgermeister Gunter Czisch fördere den Open-Data-Gedanken. "Die haben verstanden, dass eine Zweitverwertung sowohl Bürgern als auch dem Datenlieferanten nutzt."

Info Am Wochenende 12./13. Mai veranstaltet "Datalove" an der Uni ein "Open City Camp". Eingeladen sind Vertreter von Kommunen, Studenten, Journalisten und Entwickler. Die Veranstaltung soll den Start für weitere konkrete und regionale Open-Data-Projekte markieren. Anmeldung: occ-ulm.mixxt.de/