Gefallen hat Franz Münch von der Ulmer Stadtverwaltung das bunte Baumkleid sehr wohl: „Das ist eigentlich Kunst, das muss man schon sagen.“ Aber: „Da ist Feuchtigkeit drunter, das gibt Pilze, das ist für den Baum nicht gut.“ Die Wolle musste weg – „rein zum Schutz der Bäume“.

Im März hatte die Ulmer Strick-Guerilla, eine Gruppe leidenschaftlicher Strickerinnen, zwei Bäume vor der Christuskirche in Söflingen eingestrickt. Eine Spaß-Aktion, die für ziemlich Aufmerksamkeit gesorgt hatte. 

Auch Manuela Seitter gefiel das wollene Werk, schließlich hatte sie es gemeinsam mit sieben anderen Frauen geschaffen. Die Inhaberin des Söflinger Strickladens „Rock’n’Woll“ ist so etwas wie die Anführerin der Ulmer Strick-Guerilla (Videound hat wenig Verständnis für die Stadt: „Meiner Meinung nach passiert unter der Wolle gar nichts“, sagt sie. „Da hätten ja alle meine Kunden Hautprobleme. Es ist echt schade.“

Guerilla – das klingt zunächst martialisch, steht wörtlich für Kleinkrieg. Strick-Guerillas aber geht es ums Gegenteil: Die in allen größeren deutschen Städten aus dem Boden schießenden Gruppen wollen die Welt im wahrsten Sinne besser, weil bunter machen. Sie umstricken alles, was ihnen zwischen die Finger kommt: Fahrräder, Straßenlaternen – oder eben Bäume. Seitter: „Unser Ziel ist die Verschönerung von Gegenständen im öffentlichen Raum.“

Im März haben sie die beiden Bäume umgarnt und seitdem viele Passanten gesehen, die lachend daran vorbei gelaufen sind, sogar Hochzeitsgesellschaften, die aus der Kirche kamen und sich vor den Bäumen fotografieren ließen. „Genau das wollten wir erreichen.“ Negative Reaktionen gab es überhaupt nicht.

Trotzdem haben sie am Dienstag die Schere angesetzt – und dabei weder Feuchtigkeit noch Pilz entdeckt. Seitter hofft, dass ein Vertreter der Stadt sich die Situation noch einmal vor Ort anschaut und seine Meinung ändert. Wenn nicht, ist’s auch nicht so schlimm: „Dann können wir die Wolle vielleicht für unser nächstes Projekt verwenden.“ Der Einsatz der Strick-Guerilla geht weiter.