Berufswelt Ulmer IHK mahnt bessere frühkindliche Bildung an

Mangelnde Sprachkompetenz bei Kindern könnte negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben.
Mangelnde Sprachkompetenz bei Kindern könnte negative Auswirkungen auf die Wirtschaft haben. © Foto: Daniel Reinhardt/dpa
Ulm / Christoph Mayer 04.01.2018
Zu vielen Kindern mangelt es an Sprachkompetenz, sagt die IHK. Das habe angesichts des künftigen Fachkräftemangels negative Folgen für die Wirtschaft.

Sprachförderung für Dreikäsehochs gehört gehört nicht zur Kernkompetenz der Indu­strie- und Handelskammer Ulm (IHK), da hat Otto Sälzle recht. Was also steckt dahinter, wenn der IHK-Hauptgeschäftsführer  in den ruhigen Tagen zwischen den Jahren zum Pressegespräch mit eben diesem Schwerpunkt einlädt? Es ist die Sorge um die Entwicklung des regionalen Ausbildungs- und Arbeitskräftemarktes, wie Sälzle bei der Vorstellung des „IHK-Bildungsreports 2018“ konstatierte. „Unsere Region braucht gut ausgebildete Fachkräfte. Darauf kommt es am Ende des Tages an.“

14.000 fehlen

Infolge der landauf landab prognostizierten demographischen Entwicklung – deutlich mehr Menschen gehen in Rente als Berufsanfänger nachrücken – wird der IHK-Region Ulm bis zum Jahr 2030 ein Fachkräftemangel von jährlich mehr als 14.000 Menschen vorhergesagt. Schon von  2020 an, also in zwei Jahren, werde diese Schwelle erreicht sein, sagt Sälzle. Wenn aber das Arbeitskräftepotenzial  generell schwinde, gelte umso stärker, „dass die jungen Menschen, die wir noch haben, bestmöglich ausgebildet sein müssen“.

Da jedoch sieht die IHK deutliche Defizite, wie IHK-Ausbildungsexperte Dr. Thomas Frank unter Zuhilfenahme statistischer Daten des Landes erläuterte. Bei Grundschülern stagniere die Leseleistung, Baden-Württemberg habe seinen einstigen Spitzenplatz eingebüßt. Schlimmer: „Jeder fünfte Viertklässler im Land erreicht nicht mal mehr den Mindeststandard im Lesen“ (siehe Infokasten). Trotz vieler an sich löblicher Initiativen in den vergangenen zehn Jahren verharrten die Sprachauffälligkeiten auch in Ulm unverändert „auf sehr hohem Niveau“.

Schon beim Eintritt in die Grundschule seien die Differenzen zwischen sprachlich stärkeren und schwachen Schülern derart ausgeprägt, „dass Lehrer diese Unterschiede nicht mehr ausgleichen können“. Die zunehmende Zahl der „Risikokinder“ (Frank) stamme beileibe nicht nur, aber eben überwiegend aus Familien mit Migrationshintergrund – speziell aus Familien, in denen Zuhause kein Deutsch gesprochen werde. Hinzu komme, dass solche Kinder überwiegend in Einrichtungen (Kindergärten und Grundschulen) mit wiederum hohem Migrantenanteil untergebracht seien. Was die Tendenz zum Nicht-richtig-Deutsch-lernen zementiere.

Für die IHK resultiert daraus folgende zentrale Forderung: „Die frühkindliche Bildung im Kindergarten muss qualitativ verstärkt werden“, wie Sälzle sagt. Wie dies konkret vonstatten gehen soll? Da bleibt er eine Antwort schuldig. „Wir sind weder Pädagogen noch Kommunalpolitiker noch Kindergartenträger.“ Der IHK gehe es vielmehr um eine Schärfung des Bewusstseins und um das Anstoßen einer öffentlichen Debatte.  Aber: Ohne Investitionen, sprich, mehr und besser ausgebildete Erzieherinnen, werde es nicht gehen. „Die kommunale Ebene hat nur eine Möglichkeit: entweder jetzt in die frühkindliche Bildung zu investieren oder später in die soziale Reparaturarbeit.“

Die IHK leiste freilich auch selbst einen Beitrag zur frühkindlichen Bildung, betonten Frank und Sälzle. So habe man mit der Initiative „Haus der kleinen Forscher“  bereits 88 Prozent aller Kindertagesstätten in der IHK-Region erreicht. Insgesamt seien mehr als 4000 Erzieherinnen  in 370 eintägigen Workshops  in der spielerischen Vermittlung von naturwissenschaftlichen und technischen Kompetenzen geschult worden.

Über ein Drittel braucht sprachliche Förderung

Einschulungsuntersuchung  In den Einschulungsuntersuchungen zeigt sich: Der Anteil angehender Erstklässler mit intensivem Sprachförderbedarf ist unverändert hoch. So weist der Gesundheitsatlas Baden-Württemberg  für den Stadtkreis Ulm laut einer Mitteilung der IHK einen Anteil von 38,4 Prozent aus, im Alb-Donau-Kreis sind es 32,9 Prozent. Besorgniserregend nennt die IHK den Anteil der sprachschwachen Kinder  bei Familien mit Migrationshintergrund, in denen daheim nicht Deutsch gesprochen wird. Hier haben 56 Prozent der Kinder einen intensiven Förderbedarf. 

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