Ulm Ulmer Forscher entwickelt Parkinson-App

Ulm / TOBIAS KNAACK 17.04.2012
An der Hochschule Ulm haben Wissenschaftler eine Applikation zur besseren Therapiekontrolle von Parkinson erfunden. Das System hat sogar schon einen landesweiten Ideenwettbewerb gewonnen.

Die einzelnen Komponenten sind nicht teuer. Es ist die Idee dahinter, die kostbar ist. Kostbar und das Leben erleichternd. So könnte man beschreiben, was Prof. Ronald Blechschmidt-Trapp gemeinsam mit seinen Mitarbeitern an der Hochschule Ulm entwickelt hat: eine Applikation für Smartphones, mit der die Therapiekontrolle von Parkinson verbessert werden soll.

Sensoren an Händen und Füßen erfassen Bewegungsdaten von Patienten und übermitteln diese drahtlos via Bluetooth an das Smartphone. Dort sind die Daten als Werte und Kurven abrufbar. Auf dieselbe Weise können die Daten auch dem Arzt übermittelt werden. "In den Mobilfunkgeräten sind die Sensoren ohnehin vorhanden", erklärt Blechschmidt-Trapp. Die Sensoren am Fuß werden mittels einer Spezialsohle in den Schuh eingelegt. An der Hand wird der Sensor mit einer Manschette auf dem Handrücken angebracht.

Man könne sich das vorstellen wie die Systeme, mit denen Jogger über einen Chip im Schuh sowie einen Adapter an einem Smartphone oder Musikabspielgerät ihre Laufdaten aufzeichnen, sagt der 42-Jährige. "Unser System geht noch einen Schritt weiter." Über die aufgezeichneten Bewegungen des Patienten analysiere es dessen Zustand. "Findet das System Auffälligkeiten, fordert es den Patienten auf, Referenzübungen zu machen." Zusätzlich werden die Bewegungen über einen Avatar, also eine virtuelle, digital erstellte Person, visuell aufbereitet. Für den Patienten, vor allem aber für den Arzt.

Genau an der Stelle habe es bisher immer gehakt, erklärt Blechschmidt-Trapp. "Es gibt viele gute Studien in diese Richtung." Bislang sei aber kein Modell gefunden worden, das für Patient und Arzt praktikabel gewesen wäre.

Morbus Parkinson geht nach heutigem Stand der Wissenschaft auf einen Mangel des Gehirnbotenstoffes Dopamin zurück. Die Patienten sind auf die regelmäßige Einnahme von Medikamenten angewiesen, um die Symptome - Muskelzittern und -starre sowie Bewegungsarmut - zu lindern. Die Beurteilung, wie die Krankheit bei einem Patienten ausgeprägt ist, nehmen die Ärzte anhand einer 42 Punkte umfassenden Liste und aufgrund subjektiver Eindrücke vor.

"Unser Ziel ist es, Langzeitdaten zu erheben und die Bewegung des Patienten richtig abzubilden. Wir wollen eine objektivere Bewertung ermöglichen", erklärt der Projektleiter. 18 der 42 Punkte auf der Check-Liste könnten seiner Ansicht nach objektiviert werden. "Wir erhoffen uns auch, dass die Medikamentierung besser auf die Bedürfnisse des Patienten abgestimmt werden kann." Bisher gebe es meist starr einzuhaltende Rhythmen der Medikamenteneinnahme. Diese zu individualisieren, sei ein großes Ziel, so der Hochschulprofessor.

Das Angebot richtet sich vor allem an Parkinsonerkrankte von 40 bis 60 Jahren. "Ältere sind natürlich nicht ausgeschlossen." Bei ihnen sei die Bereitschaft, sich mit solch technischen Dingen auseinanderzusetzen jedoch weitaus geringer.

Seit dem Wintersemester 2010 arbeiten Blechschmidt-Trapp und seine Mitarbeiter an dem Projekt. Das System wird zunächst nur für Android-betriebene Smartphones entwickelt. Das liegt vor allem daran, dass Android-Handys mit 30 Prozent bereits heute den größten Anteil am deutschen Smartphone-Markt haben. Tendenz steigend. "Erstmal entwickeln wir ein funktionierendes Produkt. Das Umschreiben auf ein anderes Betriebssystem ist der nächste Schritt."

Zurück zur Startseite Zum nächsten Artikel