Die Ulmer Denkanstöße sind anregend. Auch, weil sie ganz unterschiedliche Leute auf spannende Weise zusammenbringen. Am Samstag zum Beispiel: Erst sprach Trigema-Inhaber Wolfgang Grupp, ganz Unternehmer alter Schule, dann Zukunftsforscher Matthias Horx. Der schien geradezu froh über solches Anschauungsmaterial, konnte er doch am Beispiel Grupp manches von dem aufzeigen, was er in der Arbeitswelt für überholt hält.

Die Ulmer Denkanstöße, zum fünften Mal veranstaltet von der Stadt Ulm, der Uni und der Sparda-Bank, beleuchteten diesmal, wie Arbeit und Gesellschaft zusammenhängen und sich verändern. Unter dem Titel "Leben, um zu arbeiten - arbeiten, um zu leben?" gab es zweieinhalb Tage lang Vorträge und Diskussionen, Filme, Kabarett und eine Performance. Die Denkanstöße waren auch am Samstagnachmittag gut besucht. Trotz herrlichen Frühlingswetters zog es viele nicht hinaus an die Donau, sondern hinein ins Stadthaus.

Dort hörten sie unter anderem Wolfgang Grupp. Der alleinige Geschäftsführer des Textilherstellers Trigema ist ein Verfechter des Produktionsstandorts Deutschland. Unternehmer, die im Land herstellen lassen, sicherten die Arbeitsplätze der Menschen. Durch sein unternehmerisches Wirken, sein verantwortliches Handeln gebe er den Mitarbeitern Sicherheit. Dabei ist Grupps erfolgreiche Firma, ebenso übrigens wie die insolvente Drogeriemarktkette Schlecker, ganz auf den Eigentümer zugeschnitten.

"Big Daddy Kultur", nennt das der Zukunftsforscher Matthias Horx: "Alle tun, was der Chef sagt." So etwas habe keine Zukunft mehr. Aus mehreren Gründen. Weil in einer zunehmend komplexen, globalisierten (Arbeits-)Welt andere Formen von Führung und Zusammenarbeit gefragt sind als Befehl und Gehorsam, nämlich Kommunikation, Teamfähigkeit, Kreativität. Und weil zunehmend gut ausgebildete Frauen Karriere machen. Frauen, sagt Horx, wollen eine andere Arbeitswelt, eine flexiblere. "Die Zeit des Hierarchie-Mannes ist vorbei."

Eine der Schlüsselkompetenzen für die Zukunft sei Kreativität. Wo die "kreative Klasse" stark sei, boome die Ökonomie, in Ländern ebenso wie in Regionen. Zu den Kreativen zählt Horx aber nicht nur Künstler und Berufsgruppen wie Grafiker, Designer oder Werber, sondern ebenso Ingenieure, Naturwissenschaftler, selbst Gärtner und Wirte - alle eben, die Neues ersinnen und ausprobieren.

Die zunehmende Bedeutung der Kreativität ist für Horx ein Grund, weshalb er Grupps Unternehmerphilosophie für veraltet hält. Einer wie er gebe zwar Sicherheit durch Arbeitsplätze. Sie kann aber lähmend wirken. "Wir sind in einer Art und Weise sicherheitsverwöhnt, dass wir unkreativ geworden sind."

Unkreativ sein, fängt oft ganz früh an: in der Schule. Horx hält das deutsche Bildungssystem für vorgestrig. Es selektiere viel zu früh und wirke demotivierend. "Statt Talente zu fördern, werden Fehler rot angestrichen." Er glaube fest daran, dass jeder Mensch ein Talent habe, in dem er es durch Übung und Unterstützung zur Meisterschaft bringen kann. "Lernen muss mit Leidenschaft anfangen." Dann mache es Spaß, ein Leben lang.

Und so waren auch diese fünften Denkanstöße wieder anregend. Die Macherinnen Prof. Renate Breuninger vom Humboldt-Studienzentrum der Uni, Iris Mann von der Kulturabteilung der Stadt und Bürgermeisterin Sabine Mayer-Dölle haben jedenfalls schon wieder Ideen gesammelt für die sechsten.