Ulm Ulmer Denkanstöße zum Thema Generationengerechtigkeit

Ulm / EDWIN RUSCHITZKA 16.03.2013
Leben Alte in Deutschland auf Kosten der Jungen? Droht etwa ein Kampf der Generationen? Oder leidet die Gesellschaft am Konflikt zwischen Arm und Reich? Damit befassten sich am Freitag die Ulmer Denkanstöße.

Jörg Tremmel ist Juniorprofessor für Generationengerechte Politik an der Uni Tübingen und 43 Jahre alt. Er machte sich gestern am zweiten Tag der Ulmer Denkanstöße frank und frei, zuweilen auch provokativ zum Anwalt der Jungen. Seine Behauptung: Noch nie hat es so viele alte und reiche Menschen in Deutschland gegeben. Zugleich müssten sich die arbeitenden Jungen aufopfern, damit es den pensionierten Alten gut geht. Zur Belohnung werde den nächsten Generationen durch die Verschuldungspolitik ein Stück Zukunft genommen. "Generationengerechtigkeit bedeutet", so Tremmel, "dass unsere Nachfolger die Chance haben, sich nicht nur gleiche, sondern bessere Lebensbedingungen zu erarbeiten."

Applaus gabs dafür am Freitag unter dem Stadthaus-Publikum wenig bis gar nicht. Kein Wunder, denn es waren eher die Alten, die sich dort am frühen Nachmittag versammelt hatten. Die fanden sich in dem wieder, was Christoph Butterwegge (62), Professor für Politikwissenschaft an der Uni Köln, in den Raum stellte: Der "Kampfbegriff von der Generationengerechtigkeit" sei von der Politik bewusst konstruiert worden, um davon abzulenken, "dass es soziale Ungerechtigkeiten gibt". Der zunehmende Reichtum in dieser Gesellschaft, so Butterwegge, müsse einfach besser verteilt werden. Doch genau das Gegenteil sei auch mit der Agenda 2010 geschehen, "deren zehnten Geburtstag ich nicht gefeiert habe". Kinder- und Altersarmut seien "ein skandalöses Armutszeugnis". Dafür gab es das eine oder andere Mal Applaus.

Dazwischen stand Patrick Bauer, 29 Jahre alt und Chefredakteur von "Neon", wie das Jugendmagazin des "Stern" heißt. Wobei dazwischen stehen nicht ganz richtig ist. Bauer befand, dass die Politiker den Begriff der Generationengerechtigkeit missbrauchten, um den Haushalt zu konsolidieren, statt für Gerechtigkeit innerhalb der Gesellschaft zu sorgen. Ankündigungen, dass es künftig weniger geben wird, führe unter Jüngeren zu einem Verlust an Solidarität. "Zu den Opfern will keiner zählen, kein Wunder, dass ,Opfer ein Schimpfwort unter Jugendlichen ist." Deutschland, so Bauer, sei geprägt von sozialer Ungerechtigkeit, nicht von der fehlenden Generationengerechtigkeit.

So ging es munter zwei Stunden hin und her. Und nicht wenige dürften sich am Ende gedacht haben: Irgendwie haben alle Recht - zumindest ein Stück weit . . .

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