Ulm / CHRISTOPH MAYER  Uhr
Eine völlig neue Trinktechnik haben Ulmer Biologen bei einer tropischen Fledermausart entdeckt. Das lässt generelle Rückschlüsse auf die Evolution zu.
Anekdoten kursierten unter Forschern schon seit Jahren, sagt Dr. Mirjam Knörnschild. Anekdoten, dass manche Fledermausarten anders Nektar trinken als ihre Artgenossen. Nun könnte man meinen, das sei nichts Besonderes. Schließlich gibt es auch unter Menschen Schluckspechte, Säufer und Langsam-Trinker. Doch die Ulmer Uni-Biologen um Prof. Marco Tschapka, Dr. Tania Gonzalez und Knörnschild wollten es genau wissen.

Siehe da: Bei einem ihrer Forschungsaufenthalte in Panama entdeckten sie eine unbekannte Fledermaus-Trink-Technik: Während alle bisher untersuchten Arten den Nektar mit ihren Zungen aus den Blüten lecken, nutzen andere ihre Zunge wie ein Fließband.

Mit Hochgeschwindigkeitskameras hatten die Wissenschaftler vom Institut für Evolutionsökologie und Naturschutzgenomik die Fledermäuse auf einer Forschungsstation des Smithsonian Tropical Research Institutes beobachtet. „Die meisten Blumenfledermäuse nutzten ihre Zunge wie einen Wischmopp“, sagt Tschapka: Sie leckten die Blüte mit ihrer behaarten Zunge aus. Doch dann beobachteten die Forscher auch Arten, die ihre Zunge wie eine Art Förderband einsetzen. Schon seit einiger Zeit sei bekannt gewesen, dass eine Sub-Gruppe dieser Blumenfledermäuse keine behaarte Zunge habe. Dafür aber seitliche Kanäle, deren Funktion Rätsel aufgab.

Verformungen der seitlichen Zungenkanäle zeigten: Diese Fledermäuse saugen den Nektar mit Pumpbewegungen der Zunge in ihr Maul. Diese Art zu trinken, sei bisher bei keinem Säugetier beschrieben worden, sagt Tschapka.

Beide Methoden, Wischmopp wie Förderband, sind den Forschern zufolge gleichermaßen erfolgreich. Warum also existieren sie nebeneinander – und passt das zur gängigen Evolutionslehre? Womöglich, so glauben die Wissenschaftler, bevorzugen Arten mit unterschiedlichen Zungen verschiedene Blüten. Pinselzungen könnten besonders für Blüten geeignet sein, in denen Nektar in kleinen Mengen verteilt über unterschiedliche Stellen abgegeben wird. Der Pumpmechanismus ist besser für Blüten geeignet, an denen sich konzentriert große Nektartropfen bilden.

Die Entwicklung der unterschiedlichen Trink-Techniken führen die Ulmer Wissenschaftler auf eine Parallel-Entwicklung zurück: Die Vorliebe der Blumenfledermäuse für Nektar habe sich im Laufe der Evolution wohl zwei Mal unabhängig voneinander entwickelt – und dabei vollkommen verschiedene Mechanismen der Nektaraufnahme perfektioniert.