Ulm Ulm vor 80 Jahren: Wie die Verfolgung der Juden begann

Ulm / KARL-MICHAEL DITTRICH 10.04.2013
Rund 500 Juden lebten um 1930 in Ulm. Viele waren gewerblich Mittelständler. Wie die Nazis versuchten, sie durch einen Boykott ihrer Geschäfte zu treffen, zeigt ein Rundgang des Ulmer Museums.

"Deutsche kauft nicht bei Juden! Boykott gegen jüdische Geschäfte in Ulm März/April 1933." Unter diesem Titel stand jetzt ein Stadtrundgang zur beginnenden Judenverfolgung unter den Nazis. Dr. Silvester Lechner führte 30 Interessierte zu Stätten, die daran erinnern. Ausgangspunkt war der Vortragsraum im Museum, der 80 Jahre zuvor noch Teil des Möbelgeschäfts Klappholz gewesen war.

Dem Inhaber Jakob Klappholz, der sein Geschäft 1914 gegründet hatte und zwischen drei und fünf Mitarbeiter beschäftigte, widerfuhr mit seiner Familie - Frau Wilhelmine mit den Kindern Walter, Julia und Ottilie - unter den Nationalsozialisten das Schicksal der Vertreibung und Ermordung vieler Millionen anderer Juden: Unter dem politischen Druck folgte 1937 die Emigration ins tschechische Brünn, im April 1942 ging es nach Theresienstadt, drei Wochen später ins Warschauer Ghetto, wo die fünfköpfige Familie im Juli 1942 getötet wurde.

Ein Schicksal, das in Ulm begann. Die Stadt zählte in den 1930er Jahren rund 500 Bürger jüdischen Glaubens - zum größten Teil und gemäß ihres eigenen Verständnisses Ulmer und Deutsche. Sie waren meist gewerbliche Mittelständler. Lechner, früherer Leiter des Dokumentationszentrums Oberer Kuhberg, führte in einem kurzen Vortrag in die Zeit ein. Hitler war gerade zum Reichskanzler berufen worden (30. Januar 1933), die Notverordnung nach dem Reichstagsbrand (27. Februar) und das Ermächtigungsgesetz (24. März) ebneten der Willkür der Nazis den Weg. Fotos und vor allem Zeitungsanzeigen illustrierten diese Zeitreise.

Schon am 11. März und am 1. April kam es in Ulm zu ersten Boykottaufrufen vor Geschäften jüdischer Besitzer - "denken Sie bitte daran: Es gibt keine jüdischen Geschäfte", wies Lechner seine Zuhörer auf eine unbedachte Begriffswahl hin, die sich mittlerweile verselbstständigt hat. Rund 50 solcher Geschäfte gab es damals in Ulm. Eines der bekanntesten war das Kaufhaus Wohlwert, an dessen Stelle heute die Kunsthalle Weishaupt steht. Ebenso noch heute ein Begriff: Das Mode- und Confektionsgeschäft Bernheimer, das um 1860 begründet wurde und am südlichen Münsterplatz beheimatet war. Auch von diesem Gebäude ist heute nichts mehr zu sehen. Doch wurden noch 1999 alte Firmenakten gefunden - beim Abbruch des benachbarten Münsterbazars.

Die ersten Boykott-Aktionen wurden schnell abgebrochen, weil sie nicht ihren Zweck erfüllten. Die Ulmer waren einfach schwäbisch-pragmatisch: "Eine Mark und eine Mark sind zwei Mark", zitierte Lechner, zudem waren ja auch Christen bei den jüdischen Inhabern beschäftigt - und die Nazis merkten schnell, dass die Versorgung litt, wenn gegen die jüdischen Besitzer vorgegangen wurde. Aber Pragmatismus ist von Widerstand noch weit entfernt. Die Ulmer Bürger wehrten sich nicht gegen die Boykott-Aufrufe, die Judenhetze ging weiter. Die Inhaber wurden schließlich verjagt oder enteignet. Nur wenige überlebten.

Die Stadtgänger auf den Spuren jüdischer Unternehmer sind voll bei der Sache: Sie kennen die Namen, nicken zustimmend zu den Ausführungen, wissen oft selbst, wie es ausgesehen hat in Ulm. Der Großteil der Gruppe ist jenseits der 50, es sind vor allem Frauen, die mitgehen. "Meine Mutter hat bei Bernheimer noch gelernt", sagt eine Teilnehmerin, "deshalb habe ich doch eine besondere Beziehung zu diesem Thema." Eine andere ist extra aus dem Filstal angereist, weil sie in einer Broschüre von dem Termin erfahren hat. "Diese Zeit interessiert mich einfach, und das Wissen darf nicht verlorengehen."

Lechner berichtet von den Bernheimers, die "mit zehn Mark in die Schweiz fliehen mussten". Privatbankier Emil Mayer, dessen Bankhaus am Weinhof 6/7 in unmittelbarer Nachbarschaft zur heutigen Synagoge stand, verstarb an den Folgen seiner Verschleppung ins KZ Dachau. Die Gebäude zu sehen scheint die Geschichte greifbarer zu machen - die Zuhörer schütteln oft verständnislos den Kopf. Es sind nicht die Details, die betroffen machen, offenbar aber die Erkenntnis, dass der Nationalsozialismus auch mitten in Ulm einen Platz hatte.

Das Interesse an diesem Abschnitt der Ulmer Geschichte wachse, stellt Dr. Silvester Lechner fest - "vor allem, weil die meisten, die verhindert haben, dass mehr ans Licht kommt, mittlerweile unter der Erde sind".

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