Ulm Ulm soll dreckig bleiben

Das ist der Beweis schwarz auf weiß: In der Stadt Ulm geht es allzeit reichlich reinlich zu.
Das ist der Beweis schwarz auf weiß: In der Stadt Ulm geht es allzeit reichlich reinlich zu. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / THOMAS BLOCK 10.12.2013
Wenn Helga Malischewski behauptet, Ulm sei zu dreckig, stehen unserem Volontär die Haare zu Berge. Er hat den Dreck lieben gelernt.
Die Südwest Presse berichtete am Dienstag über Dreck in Ulm. Zu vermüllt sei die Stadt, hieß es da, gerade sonntags sei die Lage untragbar. Dabei habe ich noch nie in einer so sauberen Stadt wie Ulm gelebt. Und, um Missverständnissen vorzubeugen – das ist kein Kompliment.

Ich komme aus Recklinghausen, einer Stadt im nördlichen Ruhrgebiet, etwa so groß wie Ulm. Vor den Toren dieser Stadt gibt es ein Industriegebiet, in dem früher ein riesiger Haufen Dreck stand. Ich bin mir nicht sicher, ob es Kohle oder einfach nur die Erde war, die aus den Schächten der Zeche gebuddelt worden war. Jedenfalls war es ein großer, schwarzer Berg, der von dicken, gelben Schläuchen durchzogen war. Meine kleine Schwester, damals vier Jahre alt, nannte den Haufen Spaghetti-Berg, das fanden alle sehr süß. So oft wie möglich wurde der Spaghetti-Berg mit dem Auto passiert, auch wenn er eigentlich nicht auf dem Weg lag. Der Dreck, den unsere Mitmenschen produziert haben, wurde zu einer Sehenswürdigkeit, und als er irgendwann nicht mehr da war, haben wir es bereut, kein Foto gemacht zu haben.

Später lebte ich lange in Wien, etwas kürzer in Berlin und Sankt Petersburg. Wenn ich sonntags durch den 16. Bezirk in Wien, vorbei an leeren Dosen, den Abfällen des Brunnenmarktes und überfüllten Mistkübeln spazierte, wusste ich: Hier haben gestern Menschen verweilt, gegessen, Spaß gehabt. Wenn ich über die mit Kreide beschmierte Oberbaumbrücke in Berlin ging, hat mir der Dreck ein Gefühl dafür gegeben, wie lebendig dieser Ort ist.

Denn Dreck, Müll, Abfall ist zwar nicht schön, aber er gehört dazu, er ist die sichtbarste Spur, die die Bewohner in der Stadt hinterlassen. Er verrät mir, dass hier Menschen leben, lieben und arbeiten. Und er ist der beste Beweis dafür, dass diese Aneinanderreihung von Häusern eine Stadt ist. Denn Hand aufs Herz – die Stadt, das sind nicht die Gebäude, sondern die Menschen, die in diesen Gebäuden leben. Und Menschen machen nun mal Lärm und Dreck.

Nun lebe ich seit etwas mehr als drei Monaten in Ulm, einer Stadt, die fast schon krankhaft sauber ist, und noch sauberer werden soll. Bitte, lasst das. Der Dreck fehlt mir.