Um gleich die dringlichste Frage zu beantworten: Ja, Kranführer  müssen auch mal. Sie haben ein kleines Chemieklo im Eck ihrer Kabine, sagt Jörg Zinnow. Der Diplom-Ingenieur von der Berliner Firma Koha ist Projektleiter der Großbaustelle Sedelhöfe, wo derzeit fünf Kräne im Einsatz sind. Zinnow sagt „Krane“, so ist es fachsprachlich richtig, umgangssprachlich darf man Kräne sagen.

Zinnow steht in 53 Metern Höhe über dem Baufeld auf dem Ausleger des höchsten Krans. „Ulm ist eine schöne Stadt“, sagt er, „eine herrliche Gegend“. Er deutet aufs zum Greifen nahe Münster: „Das hat man auch nicht überall so.“ Der 54-Jährige muss es wissen, seit einem Jahr baut seine Firma die Sedelhöfe, seit einem Jahr lebt er in Ulm. Zuvor war er für den Geschäftskomplex City Gate Bremen und das Wohnareal Boxhagener Straße in Berlin zuständig.

Kräne: Über den Dächern von Ulm

„Immer wieder ein toller Ausblick“, sagt Zinnow über den Dächern von Ulm. Die 220 Leitersprossen bis ganz nach oben nimmt er aber nur noch alle zwei bis drei Monate. Meist sitzt er im Koha-Büro in der Keltergasse: „Je länger eine Baustelle dauert, umso mehr Papierkram.“

Jeden Tag jedoch nehmen die fünf Kranführer den Leiterweg nach oben. Oft bleiben sie den ganzen Arbeitstag dort. „Manche gehen zur Pause runter“, weiß Zinnow, „aber irgendwann magst du zwischendurch nicht mehr rauf- und runterklettern.“

Die Kranführer sind Rumänen. Auf der Baustelle arbeiten 140 Mann, 80 Prozent sind Rumänen, die anderen Albaner. Die Kommunikation läuft über die Vorarbeiter, auch Rumänen und Albaner, aber des Deutschen mächtig.

Sedelhöfe in Ulm Ausblick in luftiger Höhe: Kranführer auf der Sedelhöfe-Baustelle

Kranführer steuern per Joystick

Die Anweisungen kommen per Funk. Die Kranführer haben dafür Fußtasten, weil sie ihren Kran mit den Händen am Joystick steuern. Sie sind Maschinisten, die den Kran-Führerschein gemacht haben. Das Diffizile an dem Job sei die Hand-Augen-Koordina­tion, sagt Zinnow. Er hat das selbst mal ausprobiert: „Ich haben noch nicht einmal einen vier mal sechs Meter großen Container getroffen!“

Körperlich ist der Job der Kranführer weniger anstrengend als die der anderen Männer auf der Baustelle. Dafür gibt es psychischen Druck, aufgrund der besonderen Verantwortung: „Sie müssen die ganze Zeit hochkonzentriert arbeiten, weil sie mit schwebenden Lasten arbeiten.“

Wer dieser Tage von oben den Blick über Ulm und Neu-Ulm schweifen lässt, zählt 20 große Kräne, unter anderem auf der Baustelle des Orange Campus. Auf dem 9950 Quadratmeter großen Baufeld der Sedelhöfe sind es fünf Kräne der Firma Liebherr, ein sechster kommt noch hinzu für den Bau des Gebäudes Bahnhofsplatz 7.

Die Kräne sind maximal effizient auf dem Baufeld verteilt. „Ein Kran kann bis zu 20 Mann unter sich bedienen“, sagt Zinnow. Da es außen herum nahezu keinen freien Platz gibt, sind die Kräne in das Baufeld integriert, also in die Bodenplatte eingebaut. Wenn die Kräne ihr Werk getan haben und nach Abschluss des Hochbaus abtransportiert sind, müssen die Decken der Untergeschosse nachträglich geschlossen werden.

Die Kräne lassen Schalungen, Beton, Baustahl, Gerüste und Fertigteile wie Treppen über die Baustelle schweben. Die maximale Last des größten Krans beträgt 6,8 Tonnen. Sein Ausleger ist 60 Meter lang, die Hakenhöhe beträgt 68 Meter – da der Kran 15 Meter tief im Boden steht, befindet man sich oben eben 53 Meter über Straßenniveau.

Kräne: Die Vorfahrtsregeln in der Luft

Zwischen den Kränen gibt es einen Sicherheitsabstand: Sie arbeiten höhenversetzt, damit sie nicht mit ihren Seilen ineinander geraten. Und es gibt eine Vorfahrtsregel. Die lautet aber nicht „rechts vor links“, sondern „unten vor oben“.

Genauer: „Der niedrigste Kran hat immer Vorfahrt“, erklärt Zinnow, „der darüber liegende muss aufpassen, wie sich der unter ihm liegende verhält und ihn eventuell warnen, per Funk oder Hupe. Und der hat wiederum gegenüber dem ihm  höherliegenden Vorfahrt.“ Fürs Einweisen gibt es zudem Handzeichen: Sie besagen „tiefer“, „höher“, „drehen“ oder „schwenken“.

Sedelhöfe in Ulm: Enge ist die größte Schwierigkeit

Bei den Sedelhöfen handelt es sich um eine 100-Prozent-Bebauung. Die Enge des Baufelds ist logistisch die größte Schwierigkeit für die Baufirma, sagt Zinnow. Optimal wäre es, wenn man 40 Prozent der Baufeldgröße nochmals als Lagerfläche hat. „Auf den Sedelhöfen sind es zwei Prozent, man muss also alle Materialien im Baufeld selbst lagern. Das macht es so kompliziert, weil man so immer wieder viel umsetzen muss“, sagt der 54-Jährige. Die zweite große Herausforderung sei der Termindruck.

Auf dem Ausleger vibriert es, leichter Wind bläst. Bis maximal 75 Kilometer Windgeschwindigkeit können die Kräne arbeiten, das ist der Grenzwert für die Bremsen. „Darüber schalten sie sich automatisch ab und drehen sich frei im Wind – wie nachts ja auch“, sagt Zinnow. Dann steigt er die 220 Sprossen wieder nach unten, nicht ohne noch einen Blick aufs Münster zu werfen.

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Rohbau bis Jahresende


Baustelle Die Berliner Firma Koha baut seit April 2018 auf dem 9950 Quadratmeter großen Baufeld gegenüber vom Ulmer Hauptbahnhof. Der Rohbau der Sedelhöfe soll im Oktober abgeschlossen sein, der des Gebäudes Bahnhofsplatz 7 an Weihnachten. Die Eröffnung der Sedelhöfe ist für 2020 geplant.