Kartik Shukla nimmt tief Luft. Dann reißt er den Arm in die Höhe. „Ulmer Spatza, Wasserratza, hoi, hoi, hoi“, ruft er, lacht – und klingt schon fast wie ein waschechter Schwabe. Fast. Denn Kartik ist heute zum ersten Mal in Ulm, zum ersten Mal beim Schwörmontag, zum ersten Mal beim Nabada. Nun steht er am Donau-Ufer und beobachtet das wilde Treiben auf dem Wasser. „Quite interesting, this event – ganz schön interessant. Ein bisschen so wie Karneval“, sagt er und will am liebsten auch sofort ins Wasser springen. Stattdessen macht er gleich noch ein Foto mit seinem Handy.

Vor etwa zweieinhalb Jahren ist der 29-Jährige für seinen Job nach Deutschland gekommen, seit April vergangenen Jahres arbeitet der Inder als Ingenieur für Automobil-Elektronik in München. Von dort ist er am Montagmittag mit dem Zug angereist. Ein Freund hatte ihm von diesem besonderen Feiertag erzählt – und ihn auch gleich zum Ulmer Stadtfest eingeladen. Eigentlich wollte Kartik bereits die Zugverbindung um sieben Uhr morgens nehmen – um auch ja nichts zu verpassen. Der Freund hatte ihn jedoch aufgeklärt: So richtig los gehe es erst am Nachmittag. Auch kein Problem. So konnte Kartik wenigstens ausgeschlafen in seine Schwör-Premiere starten.

„Donau, boats and beer“

Was ihn an diesem Tag erwartet? Das ist Kartik selber noch nicht so ganz klar, er möchte sich überraschen lassen. Ein bisschen weiß er dann aber doch: Dass es ein traditionelles Fest ist, dass es um Treue und einen Schwur geht – und natürlich: „It’s about Donau, boats and beer.“

Menschen, die im Wasser rudern, schwimmen und sich gegenseitig nass spritzen. Und Menschen, die vom Ufer aus zuschauen, essen, trinken und sich nass spritzen lassen. Und mittendrin: Kartik.
© Foto: Katrin Stahl

Donau, Boote und Bier. Davon gibt es zumindest beim Nabada eine ganze Menge. Und mittendrin: Kartik. Der am belebten Flussufer entlang spaziert und dem Mix aus Stimmenwirrwarr, Gelächter und Schlagermusik zuhört. Der die bunten Schlauch-, Paddel- und Themenbote betrachtet und die Menschen beobachtet. Menschen, die im Wasser rudern, schwimmen und sich gegenseitig nass spritzen. Und Menschen, die vom Ufer aus zuschauen, essen, trinken und sich nass spritzen lassen.

Nabada – fast ein bisschen wie ein Holi-Fest

Festivitäten und Wasser – diese Kombination ist Kartik, der in Neu-Delhi geboren ist, nicht unbedingt fremd. Mehrmals zog er als Kind und Jugendlicher mit seiner Familie um, lebte in Indien und Großbritannien. „Doch egal, wo ich gewohnt habe, es gab immer irgendwo ein Holi-Fest.“ Auch dort müssen Besucher damit rechnen, nass gemacht zu werden. Und – wie Kartik erzählt – manchmal auch damit, ins Wasser geworfen zu werden. Vielleicht ist das Nabada dann doch etwas ungefährlicher.

Dennoch: „Die eine indische Kultur gibt es nicht.“ Darauf legt Kartik Wert. Genauso wenig, wie es die eine deutsche Kultur gibt. Nur Klischees, davon gibt es viele: Dass Deutsche ein bisschen bieder sind, langweilig und ganz schön streng, wenn es um Recht und Ordnung geht. Ein Blick auf das bunter Durcheinander auf der Donau belehrt jedoch eines Besseren. Manchmal muss es einfach ein Sprung ins kalte Wasser sein. Dieser Meinung ist auch Kartik: „Du musst die Sprache lernen, an die Orte und zu den Veranstaltungen fahren, die Menschen kennenlernen. Dann merkst du, dass viele Vorurteile überhaupt nicht stimmen.“

So etwas gibt es nur in Ulm

Trotz Hitze und Sonne: Ins Wasser will Kartik an diesem Tag dann doch nicht. Erlebt hat er trotzdem viel. Und gelernt: Dass auch Deutsche sich nicht an jede Vorschrift halten. Dass man mit Ulmer Spatzen und Wasserratten viel Spaß haben kann. Und ganz nebenbei auch, dass das Ulmer Münster den höchsten Kirchturm der Welt hat.

Nach dem Nabada treibt es ihn in die Friedrichsau, danach in die Stadt zu den Konzerten – bis um zehn Uhr am Abend sein letzter Zug zurück nach München fährt. Eine Sache will Kartik am Ende des Tages aber dann doch noch wissen: „Warum gibt es so etwas eigentlich nicht bei uns auf der Isar?“ Die Antwort lautet: Weil es so etwas nun einmal nur in Ulm gibt.

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