Experiment Ulm richtet am Weinhof ein Stadtlabor für kreative Köpfe ein

Ulm / HANS-ULI THIERER 10.05.2016
70.000 Euro für die Welt von morgen: Auf diesen Nenner lässt sich bringen, dass die Stadt am Weinhof ein Stadtlabor Ulm einrichtet. <i>Mit Kommentar von Hans-Uli Thierer: Was sonst?</i>
Ein Stadtlabor mitten in Ulm, das kreativen Köpfen offen steht; und ebenso freischaffenden Talenten und Künstlern an Schulen und Hochschulen, die sich tummeln auf dem freien Markt und in Initiativen rund um Themen und Tendenzen in den modernen Informationstechnologien (IT); im Mittelpunkt steht die Digitalisierung: Die Stadt Ulm mietet für ein solches „Experimentierfeld für die Welt von morgen“ (Oberbürgermeister Gunter Czisch in einer Vorlage für den Gemeinderat) in den Gebäuden Weinhof 6 bis 10 zunächst einmal Räume mit 300 Quadratmetern an. Die Gebäude gehören der Sparkasse, die sie nach ihren Neubauten in der Neuen Straße aber nicht mehr benötigt. Die Einrichtungen und Geräte im Stadtlabor werden von der Stadt gestellt.

Für dieses Projekt im Rahmen der Digitalisierungsoffensive „ulm 2.0“ stehen aus dem Stadthaushalt zunächst einmal 70.000 Euro als Anschubfinanzierung zur Verfügung. Einen entsprechenden Beschluss fasste der Hauptausschuss des Gemeinderats am Ende einstimmig. Nicht jedoch, ohne dass zuvor durch Stadträtin Helga Malischewski (FWG) die Frage aufgeworfen worden wäre: Braucht’s so was überhaupt, wo es „doch schon so Vieles gibt“? Dem begegneten Thomas Kienle, CDU („ein vorbehaltloses Ja“) und Lena Schwelling, Grüne („das ist wirklich ein verdammt geiles Projekt, 70.000 Euro dafür sind Peanuts“) mit demonstrativen Gegenpositionen. Martin Rivoir, SPD, ging einen Schritt weiter: Die Stadt sollte nicht bloß Räume anmieten. Sondern sich bemühen, die ganze Immobilie wegen weiterer Perspektiven – womöglich auch für das seit Jahren unter Raumnöten stöhnende Stadtarchiv, das im Schwörhaus unmittelbarer Nachbar ist – von der Sparkasse zu kaufen. „Dann hätten wir den Daumen drauf.“

Ob als Mieter oder Eigentümer – das ist Gunter Czisch erst einmal egal. Der Oberbürgermeister ist zusammen mit Christian Geiger, in der städtischen IT zuständig für Grundsatzfragen von „ulm 2.0“, die treibende Kraft des Stadtlabors. Geiger sieht darin einen weiteren Baustein für eine digitale Modellstadt Ulm, deren Vorreiterrolle bundesweit wahrgenommen werde. „Es geht, einfach gesagt, um die Nachwuchsförderung, um digitale Weiterbildung für Kinder und Jugendliche, um die gezielte Förderung des digitalen Ehrenamts.“

OB Czisch betont gleichsam: „Das wird keine städtische Veranstaltung. Wir stellen lediglich den Rahmen zur Verfügung.“ Entscheidend sei für ihn, ein solches Haus nicht in den Campus-Landschaften der Hochschulen zu platzieren, „sondern mitten unter uns – in der Stadt“. Was ideal sei, weil der Weinhof für Schüler und Studenten dank guter Nahverkehrsanbindung bestens erreichbar sei. „Wird nicht seit eh und je verlangt, Uni und Hochschule stärker in die Stadt hereinzuholen. Hier haben wir die Chance. Es geht darum, zu einem gemeinsamen Denken, Planen und Umsetzen der verschiedenen Aktivitäten, die bereits existieren, zu kommen.“

Interessenten und Kooperationspartner für freie Digital-Initiativen und aktive Einzelpersonen sieht Czisch sowohl in den Schulen und Hochschulen als auch in der freien Wirtschaft. Letztlich werde am Weinhof ein „digitaler Bolzplatz“ geschaffen, auf dem junge Talente gesichtet werden, aus denen dann Fachkräfte für die IT-Branche hervorgehen könnten. Eine Partnerschaft mit einer IT-Unternehmerinitiative, die sich hinter den Kulissen anbahnt, wird angestrebt.

Das Stadtlabor wird zunächst bis Herbst als konkretes Projekt auf dem Papier entwickelt und soll dann noch in diesem Jahr starten und dann 2017 in einen dauerhaften Betrieb übergehen. Es ist fürs Erste angelegt auf eine Dauer von fünf Jahren.

 

Digitales Roxy

Ort der Vernetzung, des Austausches, der Innovation, der kreativen Entwicklung („Fab Lab“) – kurzum: ein „digitales Roxy“. Diese Ziele hat die Ulmer Stadtverwaltung in Bezug auf das Stadtlabor Ulm formuliert, das sie in den alten Sparkassen-Gebäuden am Weinhof schafft. Das Haus soll eine Art Marktplatz für die kreativen Köpfe der digitalen Welt werden. Es ist gedacht als offenes Angebot für Schüler, Studierende, Tüftler, Gründer und Jung-Unternehmer. Die Stadt wird Arbeitstische und eine Werkstatt einrichten, in der auch herkömmliche Maschinen, die zur Entwicklung digitaler Technologien benötigt werden, zur Verfügung stehen. Besonders reizvoll findet Oberbürgermeister Gunter Czisch, dass ein aus dem ganz und gar analogen Zeitalter stammender Tresorraum im Untergeschoss mit Schließfächern ebenfalls genutzt werden kann. „Wenn dieser Kontrast nicht die Kreativität fördert.“ Das Stadtlabor soll außerdem Platz für Vorträge und Seminare sowie ein Café bieten.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Was sonst?

Kann man mit 70.000 Euro – einerseits viel Geld, andererseits bei einem 400-Millionen-Etat wie jenem der Stadt Ulm eine fast läppische Summe – als neuer Oberbürgermeister eine Duftmarke setzen? Man kann. Gunter Czisch zeigt es mit dem Projekt Stadtlabor Ulm. Dessen Idee fußt auf zwei Beinen: zum einen darauf, dem kreativen Potenzial in der Stadt einen Platz zu bieten, wo es sich zusammenrotten kann. Zum anderen, diese kreativen Köpfe herunter von den Hochschulhügeln zu holen herein in die Stadt und durch ein offenes Haus zu zeigen, was da unter jungen Leuten an Uni und Hochschulen so alles läuft in der digitalen Welt.

Die Stadtverwaltung beschreibt dieses Stadtlabor als „digitales Roxy“ und als „digitalen Bolzplatz“. Zweiteres trifft eher zu. Soll doch eine Spielwiese, ein Ermöglichungsfeld, entstehen. Freilich nicht bloß für Spielereien. Am Ende wird auch ein solches Testlabor sich daran messen lassen, was es konkret zum Nutzen der Welt oder der Region und ihrer Menschen hervorbringt. Der neue OB hat sich in der Einschätzung der Bedeutung von IT für die Zukunft einer Stadt von seinem Vorgänger auch schon als Kämmerer unterschieden.

Dass der bekennende Nerd Czisch auf diesem Feld danach trachtet, Profil zu gewinnen, liegt auf der Hand. Was auch sonst? Dem Gemeinderat aber muss klar sein, dass es mit den zunächst einmal bewilligten 70.000 Euro nicht getan ist.

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