Ulm / HANS-ULI THIERER „Rückbau des Fuß und Radwegs beim Alten Fritz“: Was da reichlich bautechnisch klingt, könnte eine Lawine auslösen. Die Stadt Ulm plant nun dort, wo alternative Wege bestehen, alte Brücken abzureißen.

Am Festungsbauwerk Beim Alten Fritz hat die Stadt Ulm die Brücke eines Geh- und Radweges abgebrochen. Diese Überführung wird nicht durch einen Leichtbetonsteg ersetzt, der 280.000 Euro gekostet hätte. Im Gegenteil: Auf mittlere Sicht und bis dann, wenn die neue Straßenbahnbrücke am Kienlesberg gebaut ist, die auch Fußgänger und Radler benutzen dürfen, sollen zwei weitere Brücken abgebaut werden. Diese Spannbetonbauwerke über die Kienlesbergstraße und an der Abfahrt Wallstraßebrücke sind ebenfalls sanierungsbedürftig; im einen Fall wäre für die Instandsetzung eine halbe Million Euro aufzuwenden, im anderen wären es 40.000 Euro. Beide Brücken bilden mit der zuletzt abgebauten Überführung die Verbindung zwischen Kienlesbergstraße und Ruhetal.

Die städtischen Verkehrsplaner haben mittlerweile andere Wegeführungen für Radler und Fußgänger untersucht. Sie ziehen nur kleinere Umwege nach sich und stellen nach Einschätzung der Bauverwaltung gute Alternativen dar. Im Fall der abgerissenen Überführung – in einem Brückenzustandsbericht von 2015 mit der schlechtesten Not („ungenügender Bauwerkszustand“) bewertet – ist nun sogar aus Sicht des Denkmalschutzes ein Gewinn zu verbuchen. Nach dem Abbruch der Brücke ist die Doppelcaponniere des Bundesfestung – ein eingetragenes Kulturdenkmal – viel besser zu sehen. Wenn dazu noch eine nicht mehr notwendige Stützmauer entfernt ist, ergibt sich in entgegengesetzter Richtung zudem eine bessere Blickbeziehung Richtung Ulmer Innenstadt und Münster.

Im Fachausschuss des Gemeinderats sprach Stadtrat Gerhard Bühler (FWG) von einem „Aha-Erlebnis“: „Eine Brücke wird abgerissen – und der Alte Fritz stellt sich weit besser dar.“ In der Verwaltungsvorlage heißt es dazu etwas gestelzter: „Aus stadtbildpflegerischer Sicht ist dies als ein Gewinn und als ein wesentlicher Beitrag zur Aufwertung des Stadtimages zu werten.“

Die Brücken beim Alten Fritz sind nur ein Beispiel für eine generelle Fragestellung, die der Stadtpolitik immer häufiger begegnet: Wie umgehen mit baufälligen Brücken, die nicht zwingend notwendig sind? Baubürgermeister Tim von Winning: „Es geht um die Infrastruktur der 1960er bis -80er Jahre.“ Er nannte es in besagtem Fall „sehr erfreulich, dass wir auf drei Brücken aus dieser Zeit verzichten können“. Das spare der Stadt eine Menge Geld. Er ließ keinen Zweifel daran, das auch andere Bauwerke auf den Prüfstand kommen werden.

 

236 Ulmer Brücken

Sanierungsbedarf
Vor Jahresfrist hat die Ulmer Bauverwaltung einen „Brückenzustandsbericht“ vorgelegt. Untersucht worden sind sämtliche 236 Brückenbauwerke und Wegeüberführungen im Stadtgebiet. Dabei handelt es sich sowohl um große Brücken wie die Blautalbrücke als auch um Fußgängerstege, die grade mal drei Meter lang sind. Überwiegen handelt es sich um Bauwerke, die zwischen 1960 und 1980 entstanden sind. Alles in allem ist ein Sanierungsbedarf bis 2030 in einer Größenordnung von annähernd 100 Millionen Euro festgestellt worden. Davon ist seit dem Jahr 2000 nur ein geringer Anteil abgearbeitet worden. Die Brückenspezialisten geben einer Straßenbrücke samt Sanierungen eine Lebensdauer von 80 Jahren, einer Radwegbrücke von 40.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Notfalls eben Umwege

Manchmal ist weniger mehr. Diese Binsenweisheit trifft besonders zu auf Verkehrsbauwerke, die seit 1960 in Ulm entstanden sind. Vor allem für Brücken und Überführungen, ob groß oder klein. Wer sich den Brückenzustandsbericht der Stadt Ulm zu Gemüte führt, dem muss schwindelig werden. Es besteht bis 2030 ein Sanierungsbedarf, der in den dreistelligen Millionenbereich geht.

Natürlich kann die Stadt mit Zuschüssen rechnen, wenn etwa im Zuge der Stadtautobahn B 10 die Adenauerbrücke komplett erneuert werden muss. Die Beträge, die am Stadthaushalt hängen bleiben, sind dennoch mehr als erklecklich. Vor dem Hintergrund der laufenden und angeleierten Großprojekte zwingen Instandsetzen und Erneuerung der Verkehrsinfrastruktur die Stadtpolitik nur noch mehr, sich zu konzentrieren – und sich Flausen über große neue Vorhaben in absehbarer Zeit aus dem Kopf zu schlagen.

Dies mag gewisse Bitternis erzeugen bei der neuen Stadtspitze. Schließlich sind mit Sanierungen und Restaurierungen keine großen Meriten zu verdienen. Andererseits hat gerade Baubürgermeister Tim von Winning seine Haltung zu diesem Thema längst gefunden. Im Fall von maroden Brücken plädiert er dafür, lieber abzureißen, was nicht unbedingt nötig ist, als es sündhaft teuer zu erneuern oder zu ersetzen. Auch wenn in manchem Fall deshalb Umwege oder Umstände in Kauf zu nehmen sind, zeugt dies von Vernunft.