Ulm – in dieser Stadt habe ich die schwierigste Zeit meines Lebens verbracht.“ Aid Rifatbegovic war 1992 wegen des Jugoslawienkriegs aus seiner Heimat geflohen und verbrachte die folgenden vier Jahre mit seiner Familie in der Münsterstadt. „Seither ist ein Teil von Ulm in mir eingebaut“, sagt der 51-Jährige, der mit der Stadt viele positive Erfahrungen verbindet. Seit 2016 lebt er wieder im bosnischen Sara­jevo.

Die innere Verbindung ist nicht abgerissen – und jetzt sogar greifbar geworden: Der Künstler hat einen „Ulm-Cube“ entwickelt. Zusammengesetzt aus miteinander verleimten Holzstäben geben die beiden Hälften auseinandergezogen typische Gebäude der Ulmer Stadtsilhouette dem Blick frei: das Münster mit seinem markanten Turm, das Universum-Center, die Pyramide der Stadtbibliothek, die Rotunde des Stadthauses, den Metzgerturm und viele Altstadthäuser mit Spitzgiebeln drum herum.

Für den Prototypen hat Rifatbegovic einen Adressaten im Sinn: Karlheinz Gräter aus Blaustein. „Er hat mir damals, als ich Flüchtling war, ganz viel geholfen. Er hat mir und meiner Familie Hoffnung gegeben. Und, wenn ich ehrlich bin, spüre ich immer noch seine Hand auf meiner Schulter. Und dafür möchte ich ihm jetzt Dankeschön sagen.“

Gräter unterstützte den heimatlos Gewordenen hier und besorgte ihm unter anderem einen Job in einem Maschinenbaubetrieb. Aus der Hilfe wurde schnell Freundschaft, „obwohl wir zwei Menschen aus ganz unterschiedlichen Kulturen stammen und ich am Anfang kaum Deutsch sprechen konnte“, erinnert sich Rifatbegovic. „Wir passen zusammen – so wie die zwei unterschiedlichen Hälften des Würfels.“

Darüber hinaus hofft der Künstler, noch andere Interessenten für den Ulm-Cube zu finden. Durch die Form mit dem quadratischen Grundriss würde er laut Rifatbegovic gut zum Logo der Stadt Ulm passen. Für seine Heimatstadt fertigt er seit 2009 den Sarajevo-Cube an, ein offizielles Souvenir. Der Künstler hatte mit seiner Idee einen Design-Wettbewerb gewonnen.

Ein Jahr später hat er in Sarajevo eine Ulmer Delegation kennengelernt und spontan einen Würfel gefertigt, dessen eine Seite seine Heimatstadt zeigte und als andere Seite eine erste Version von Ulm. Der fand bei den Besuchern begeisterte Resonanz. Rifatbegovic hatte sich damals vorgenommen: „Wenn ich als freier europäischer Bürger reisen kann, komme ich nach Ulm und mache einen eigenen Cube.“ Diesen Vorsatz setzt er nun in die Tat um – und sucht Partner, um den Ulm-Würfel zu fertigen. Die Ideen gehen ihm nicht aus: „Ich kann die ganze Welt in einen Würfel stecken.“ Auf seiner Homepage www.cube.ba steht Ulm in guter Gesellschaft mit New York, Jerusalem, Wien und acht weiteren Städten.

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Holzarten verwendet Aid Rifatbegovic für seine Würfel: Kirsche, Nussbaum, Eiche und Fichte. Im ersten Sarajevo-Cube symbolisierte er so die vier Ethnien, die die Stadt prägen.