Bescheidenheit ist ihre Sache nicht: Als Künstlerkollektiv nennen sich Daniel T. Boy, Tristan Biere, Turit Froebe und Karsten Michael Drohsel schlicht Urbansupergroup. Und sie haben sich nicht weniger auf die Fahnen geschrieben, als den Ulmern ihre eigene Stadt zu zeigen. Mit einem Spiel, das Anfang September in der Stadt aufgeführt werden soll. Jetzt war das Quartett in Ulm, um sich mal umzuschauen, sich die Stadt von Einheimischen zeigen zu lassen, sie auf sich wirken zu lassen.

Und wie war der erste Eindruck? „Höchst abweisend“, sagt Drohsel. Das Quartett war nämlich mit dem Zug angereist und mitten in den Baustellen am Bahnhof gelandet, hatte erstmal das Problem, mit dem Gepäck zum gerade mal ein paar hundert Meter entfernten Hotel zu finden. „Eine offene gastfreundliche Stadt sieht irgendwie anders aus“, sagt Drohsel.

Auch die derzeitige Willkommenssituation am Bahnhof wird wohl in das Spiel einfließen, das sich das Quartett nach dem Orts­termin ausdenken wird. Und da wird der Bahnhof nur einer von vielen Orten sein.

Wo ist die Ulmer Mitte?

„Ein Ulmer Thema wird sicher die Frage nach der Mitte sein. Da gibt es ja schließlich eine ganz offensichtlich dominante mit dem Münster, dem Münsterplatz und dem Stadthaus, aber gleich daneben gibt es dann noch die Neue Mitte“, sagt Turit Froebe schmunzelnd. Sie ist Stadtplanerin, Architekturkritikerin, Autorin des Buches „Die Kunst der Bausünde“ und gibt den „Abrisskalender“ heraus. Ein Kalender mit Bildern von Bausünden. Die kann man jeden Tag vom Kalender – abreißen.

In der Realität ist Turit Froebe aber weit weniger radikal. „Auch Bausünden bereichern eine Stadt“, sagt sie doppeldeutig. Ob sie da in  Ulm fündig wird? „Ganz sicher. Aber oft ändert sich das Verständnis, was erhaltenswert ist und was nicht, recht schnell. Das ist eigentlich auch immer interessant.“

Doch das Spiel der Urbansupergroup soll mehr als nur Architektur und Stadtplanung bewusst machen. Es geht auch darum, die Atmosphäre einer Stadt zu untersuchen, wie die Menschen, die in ihr leben, so ticken. Auch das soll in partizipativen Spielsituationen gezeigt werden. Ein denkbares Szenario könnte etwa sein, dass man Mitspieler so aufstellt, dass sie eine ständig enger werdende Gasse bilden: „Was passiert, wenn da Unbeteiligte hineingeraten und es immer enger wird?“, fragt Drohsel, der im Roxy für einen Tag das „Büro für urbane Geheimnisse“ umtreibt, auch eine Art Datensammlung, um sich einer Stadt zu nähern.

Für Ulm hat er schon eine Eigenart entdeckt: „Das spürbare Selbstbewusstsein seiner Bürger“. Und er lässt sich auch gerne erklären, woher das kommt. Aus der Tradition der Freien Reichsstadt, deren Bürger im Mittelalter beschlossen, auf eigene Kosten eine Kathedrale zu bauen, die 20.000 Menschen fassen kann? Oder vielleicht doch von der städtischen Verfassung, die die Bürger sich vor 621 Jahren erstritten – den Schwörbrief.

In sieben Städten unterwegs


Im Herbst Die Produzenten sind eine lose Gruppe von soziokulturellen Zentren wie dem Roxy, dem E-Werk Freiburg oder dem Kulturhaus Osterfeld in Pforzheim. In deren Auftrag ist die Urbansupergroup in sieben Städten des Landes unterwegs. In Ulm wird das Spielprojekt  „Neustadt“ am 8. September vorgestellt.