Ulm Ukrainische Literatur im DZM

Die Autorin Sofia Andruchowytsch.
Die Autorin Sofia Andruchowytsch. © Foto: Alexander Chekmenev
Ulm / Lena Grundhuber 11.07.2018

Dampfmaschine, Fotoapparat und Telefon haben die Arbeit aufgenommen. Man glaubt auch nicht mehr an die Segnungen des Aderlasses, dafür gibt es Röntgenstrahlen, und „wenn es so weiter geht, wird die Physik uns bald auch Gott erklären“. Wir befinden uns etwa im Jahr 1900, in einer Zeit, die man weiter westlich „Belle Époque“ nannte. Auch in der Westukraine habe die Epoche als Goldene Ära gegolten, sagte Sofia Andruchowytsch. Im Rahmen des Donaufests war sie im Donauschwäbischen Zentralmuseum, um ihren Roman „Der Papierjunge“ vorzustellen, Übersetzerin Maria Weissenböck übernahm Moderation und Lesung.

Große Teile der Geschichte ausgelöscht

Andruchowytsch, geboren 1982, lebt in Kiew, wuchs aber in der Westukraine auf, wo ihr Roman spielt – in Galizien, einst zugehörig zu Österreich-Ungarn. Die sowjetische Politik habe später große Teile der ukrainischen Geschichte ausgelöscht, erzählte die Autorin, also habe sie Aufklärung leisten wollen. Vor allem scheint es ihr um die „Dekonstruktion eines Mythos’“ zu gehen: „In Galizien besteht die Illusion der guten alten Zeiten“, sagte sie. „Sehr unkritisch“ sei das, habe es doch durchaus Spannungen zwischen den Nationalitäten gegeben. Ihr Buch „Der Papierjunge“ erzählt von zwei Freundinnen: Stefa ist früh verwaist und wächst im Hause eines Deutschen auf, mit dessen Tochter sie eine symbiotische Beziehung verbindet. Als Adelja heiratet, bleibt Stefa im Haushalt, denn sie spürt den Auftrag des Vaters: „Verlass sie nie!“ Eine Schlüsselszene, sagte die Übersetzerin: „Der Mensch hört das, was er hören will.“

Die Hauptpersonen seien erfunden, sagte Sofia Andruchowytsch, dafür seien Nebenfiguren historisch: „Ich fand es interessant, diesen Personen Aufmerksamkeit zukommen zu lassen.“ Belegt sei auch die Figur des Magiers Thorn, der in die Stadt kommt: „Er war damals sehr, sehr berühmt“, sagte Andruchowytsch. In Wahrheit sei er ein Scharlatan gewesen – für sie eine Metapher für Österreich-Ungarn. Nicht zufällig also heißt der titelgebende „Papierjunge“ Felix (Austria). Der kleine Schlangenmensch flieht aus dem Zirkus in Stefas Familie. Was dann passiert, wurde freilich nicht mehr verraten.

Info Sofia Andruchowytsch: Der Papierjunge. Übersetzt von Maria Weissenböck. Residenz Verlag, 312 Seiten, 22.90 Euro.

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