Ein leichtlebiger, feierfreudiger Mann schließt einen Pakt mit dem Teufel. Fortan darf er - nein, er muss - jede Nacht zum Tag machen und prassen. Bis er stirbt. Dann wollen Dämonen seine Seele holen. . .

Gebannt hören die Siebtklässler der Freien Waldorfschule Römerstraße am Dienstag Oleksandr Havrosch zu. Grusel- und Schauermärchen aus den Karpaten widmet sich der ukrainische Autor in seinem jüngsten Buch - die Schüler fesselt er damit gleich zweimal: Zunächst liest er selbst auf Ukrainisch, keiner versteht ein Wort, doch erfüllt Spannung das Klassenzimmer; dann erweckt der Schauspieler Gunther Nickles vom Theater Ulm die Geschichte auf Deutsch zum Leben.

Reale Horrorgeschichten aus der Ukraine erreichen den Westen seit Monaten. Deshalb geht es beim Schwerpunkt "Literatur aus der Ukraine" auf dem Donaufest natürlich nicht nur um Bücher. Zum Auftakt stellten sich am Montagabend die sechs angereisten Autoren und Illustratoren, die in diesen Tagen in Ulm lesen, diskutieren und Schul-Workshops abhalten, im Haus der Donau vor. Sie sprachen über die "Aggression und Ausweglosigkeit, in der das Land zu stecken scheint", wie es Moderatorin Claudia Dathe ausdrückte.

"Ein Schock" sei die Situation, sagte Havrosch, der nicht nur sechs Kinderbücher geschrieben hat, sondern auch Theaterstücke und Essays. In den Jahren der Unabhängigkeit habe es bei Problemen "immer Dialog, keine Gewalt" gegeben. Die Ukraine mache eine "Phase der Krankheit" durch, diagnostizierte die Autorin Natalka Sniadanko.

Die junge Geschichte des Landes sei ein Problem, erklärte Romancier Taras Prochasko: "Selbst Patrioten fällt es schwer, sich mit dem Staatswesen zu identifizieren." Problematisch sei auch, dass oft ein falsches Bild von angeblichen Unterschieden zwischen dem Westen und dem Osten der Ukraine gezeichnet werde, das betonten alle Gäste. Die Lage sei paradox, rätselhaft: "Es gibt nur Episoden, keinen Überblick", sagte Sniadanko.

Das russische Treiben auf der Krim setzt Bestsellerautor Andrej Kurkow besonders zu - denn er ist russischstämmig. Aber auch unter den ukrainischen Russen sei nur eine Minderheit pro Putin, betonte er. Das Grundübel: "Man kann mit Leuten, die eine Kalaschnikow in der Hand halten, nicht über die Zukunft des Landes reden."

Kurkow las anschließend aus seinem skurrilen, fantastisch angehauchten Roman "Der Gärtner von Otschakow": Ein Tagedieb wird mittels einer alten Milizen-Uniform ins Jahr 1957 katapultiert. Viele Bürger wüssten kaum mehr was über die sowjetische Vergangenheit ihres Landes, sagte Kurkow, daher erzähle er davon.

Natalka Sniadanko, die in Berlin lebt und in ihren Büchern gekonnt Biografien collagiert, trug aus der "Sammlung der Leidenschaften" eine trockenhumorige Geschichte über die erste Reise eines Deutschen in die Ukraine vor: Dieser muss dort im Second-Hand-Laden eine Hose kaufen - und stößt auf seine eigene alte Buxe, die er vor Jahren gespendet hat. Kichern und Applaus im Haus der Donau.

Der Besuch der Ukrainer auf dem Donaufest sei organisatorisch unkompliziert, berichtet Volkmar Clauß vom Programmteam: "Wir haben einen guten Kontakt zur Botschaft aufgebaut." So konnten die Autoren gestern auch in die Ulmer Waldorf- und in die Neu-Ulmer Montessori-Schule, um dort mit ihren Workshops loszulegen.

Oleksandr Havrosch will dabei mit seinen Schauermärchen aus den Karpaten "in eine andere Welt entführen". Sieben Geschichten hat er für sein Buch gesammelt. Zur Recherche wollte er eine alte Frau in einer abgelegenen Berghütte besuchen - doch die verstarb kurz zuvor, und so war er allein in der Hütte: "Da habe ich mich gefürchtet!" Auch der Übersetzerin Lydia Nagel war mulmig zumute: Sie sei eine Nachtarbeiterin, "aber bei diesem Buch habe ich aufgepasst, dass ich nicht nach Mitternacht übersetze".

Wer denn an Hexen und Teufel glaube, wollte Havrosch in der Klasse wissen. Kein Finger ging nach oben. "Das gibt man nur in geheimer Abstimmung zu", sagte Gunther Nickles. Von gruseligen Erfahrungen aber hatten viele der 12- bis 14-Jährigen zu berichten. Und Havroschs Geschichte fanden sie richtig gut: "Anders, als was man sonst so liest", "total lebendig erzählt".

Für ihn sei es ein ungewöhnliches Buch, sagte Havrosch: "Eigentlich schreibe ich lustige, fröhliche Geschichten." Und auch das gehört zur Ukraine.

Workshops in Schulen

Drei Teams Noch bis morgen, Donnerstag, sind ukrainische Autoren in SchulWorkshops zugange. Drei Teams sind unterwegs. Oleksandr Havrosch widmet sich - mit Übersetzerin Lydia Nagel und Schauspieler Gunther Nickles - "Grusel- und Schauermärchen aus den Karpathen". Taras Prochasko geht - mit Übersetzerin Kati Brunner und Schauspieler Karl Heinz Glaser - der Frage "Wer macht den Schnee?" nach. Das Thema der Autoren und Illustratoren Romana Romanyshyn und Andriy Lesiv - mit Übersetzerin Lydia Nagel - lautet "Sterne und Mondkörner". Die Teams sind dabei in verschiedenen Klassen der Freien Waldorfschule Ulm Römerstraße und der Montessorischule Neu-Ulm zu Gast.

SWP