Festival Neue Musik Treiben im Gedankenstrom

Anna Clementi und Jürgen Grözinger.
Anna Clementi und Jürgen Grözinger. © Foto: Udo Eberl
Ulm / Udo Eberl 10.04.2018

Nach der Uraufführung in London und einer Fortschreibung in Berlin jetzt im Stadthaus: Virginia Woolfs Erzählung „The Mark on the Wall“ aus dem Jahre 1917 als Musiktheater. Das war ein spannender Auftakt des von Jürgen Grözinger seit jeher mit Herzblut kuratierten Neue-Musik-Festivals.

Die Komponistin Stepha Schweiger hat sich dieser literarischen Gedankenreise in mehr als zehn Jahren angenähert, immer mit der Hauptakteurin Anna Clementi im Ohr und vor Augen. Diese konnte man auch im Stadthaus eindrucksvoll in einer auch optischen Wandlung und Häutung erleben. Und sie war im Kosmos des European Music Ensembles geradezu der Fixstern. Mit fesselnder Sprechstimme und gesanglich vortrefflich, übernahm sie den Hauptpart eines Monologs, der auch durch den geradezu juristisch neutralen Vortrag des Sprechers Leo Chadburn und die körperlich intensiven Handlungen des Tänzers und Performers Ziv Frenkel gespiegelt und verstärkt wurde.

Mit dem Verlegen von Klebspuren, geradezu zwanghaften Symbol-Handlungen und der Sichtbarmachung der Wiederkehr des ewig Gleichen unterlegten Frenkel wie auch das Ensemble dieses Ich-Schürfen. Es saugte seine Energie aus dem Verharren – illustriert durch visuelle Beigabe und Wandlungen auf der Leinwand. Der elementare Bodenstoff dieses Gedankenstroms, der durch Ur-Tiefen und  Naturalismen entlang der Abbruchkanten einer sich verändernden Gesellschaften führt, lieferte allerdings die Komposition. Stepha Schweiger ließ das Ensemble unter der Leitung  von Chatschatur Kanajan atmen, tasten, schweben, im Raum agieren.

Dies geschah in einem Gleichmaß, auf das man sich einlassen musste und konnte. Jeder akustische Luftzug bedeutungsschwanger, Song-Seligkeit nahe am Freiraum-Jazz der frühen 70er, Unwucht und Harmonie in der Balance. Am Ende fehlte es ein wenig an Dramaturgie und Bogenführung über die 100 Minuten hinweg. Doch Anna Clementi überstrahlte alles – auch Momente des Stillstands. Und das Zeichen an der Wand? Am Ende doch nur eine Schnecke.

Info Morgen, Mittwoch, 20 Uhr, geht es im Stadthaus mit einem „Dunkelkonzert“ weiter: Es erklingt das 10. Streichquartett von Georg Friedrich Haas.

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