Spricht ein Trauerredner nur auf Beerdigungen von Menschen, die aus der Kirche ausgetreten waren? "Nein, das ist ein Trugschluss. Es gibt viele Leute, die von der Kirche enttäuscht waren, aber trotzdem ihre Steuern bezahlt haben. Oder die mit der Institution Kirche nichts anfangen konnten. Oder spirituelle Menschen, die eine eigene Form ihres Glaubens hatten." Für all diese Menschen gestaltet Liane Probst Trauerfeiern. Sie ist freie Trauerrednerin.

Die Trauerfeier ist für die 52-Jährige "das wichtigste Abschiedsritual. Dieser Akt ist einmalig und unwiederbringlich." Zur Vorbereitung nimmt sie sich viel Zeit. Wenn sie die Angehörigen eines Verstorbenen besucht, bittet sie, dass Familie und Freunde dazukommen. Da kann es ein, dass die Runde 12 bis 15 Leute groß ist. "Ich will mir ein Bild des Verstorbenen machen. Jeder trägt mit seinen Erzählungen eine Facette bei." Oft schaut sie mit den Hinterbliebenen Bilder und Fotoalben an. Wenn es sich anbietet, geht sie auch in den Bastelkeller oder an andere prägende Orte. Weil es ihr um das geht, wofür sich der Verstorbene begeistern konnte.

Liane Probsts Ziel ist es, den Verstorbenen so zu würdigen, wie er war. "Ich lasse ihn in seiner Einzigartigkeit noch einmal aufleben und möchte eine Art Denkmal schaffen, damit sich jeder erinnern kann, was er mit ihm erlebt hat." Bei aller Nähe ist trotzdem klar: Es handelt sich um eine verwandelte Verbindung, denn der Gestorbene ist ja nicht mehr da.

Nach Beerdigungen wird die Frau mit den intensiv blickenden grünen Augen häufig gefragt, ob sie den Toten persönlich gekannt habe, "weil die Menschen ihre Erinnerungen wiederfinden in dem Bild, das ich gezeichnet habe". Dann weiß sie, sie hat die richtigen Worte gefunden.

Wichtig ist Liane Probst, bei einer Trauerfeier alle Sinne anzusprechen. "Ich rege die Menschen an, viel zu visualisieren: Fotos herauszusuchen und Collagen zu machen. Es darf auch ein Tennisschläger oder eine Gitarre am Sarg lehnen, wenn das wichtig war." Gleichermaßen wichtig ist die Musikauswahl: Was mochte der Verstorbene, was hätte er sich gewünscht?

Die Trauerrednerin sieht sich nicht als Konkurrenz zu einer kirchlichen Beerdigung, sondern als Alternative. Von den etwa zehn Beerdigungen, die sie im Monat macht, war etwa die Hälfte der Toten aus der Kirche ausgetreten. Probst betont, dass ihre Trauerfeiern "nicht frei von Religion sein müssen". Wenn die Angehörigen es wünschen, flicht sie christliche Rituale ein. Zum Beispiel das Vaterunser, das für sie ein sehr tröstliches Gebet ist. Die gebürtige Illertisserin, die in Laupheim lebt, hat selbst einen christlich-religiösen Hintergrund, aber den hält sie zurück. "Bei der Trauerfeier geht es nicht um mich."

Sie selbst hat Beerdigungen erlebt, die sie als trost- und würdelos empfand. "Da hat mir etwas Elementares gefehlt: die Würdigung des gelebten Lebens."

Statt dessen ging es um Abstraktes wie Himmel oder Hölle, die Zukunft der Seele oder die Sinnfrage. "Die Sinnfrage kann einen verzweifeln lassen. Es geht darum, den Tod anzunehmen, auch wenn man es nicht versteht."

Deshalb hat die gelernte Versicherungskauffrau nach zwei Jahrzehnten im Beruf im Jahr 2006 umgesattelt. Am Zentrum für Trauerbegleitung und Lebenshilfe Dresden hat Liane Probst eine zweijährige Ausbildung zur zertifizierten Trauerrednerin absolviert.

Trauern ist ein langsamer Prozess. Weil es seine Zeit dauert, bis man realisiert, dass der Verstorbene wirklich nie wieder kommt. Ihrer Erfahrung nach muss jeder, der zurückbleibt, ein- oder zweimal allein durch den Jahreszyklus der Jubiläen, ehe der Schmerz nachzulassen beginnt.

Auf die Frage, wie Menschen trauern, folgte für Liane Probst die Frage, wie Menschen sterben. Darum hat sie eine Ausbildung zur Trauer- und Sterbebegleiterin angeschlossen, ein Fernstudium zur psychologischen Beraterin und eine Ausbildung zum systemischen Coach gemacht. "Mal schauen, wohin mich der Weg noch führt." In Ulm macht sie viele Beerdigungen, aber auch weit darüber hinaus: von Stuttgart bis zum Bodensee. An den Wochenenden ist Probst in der Erwachsenenbildung tätig, als Dozentin für Gesprächstherapie und Trauerbegleitung.

Bei aller Professionalität gibt es auch Situationen, die ihr unter die Haut gehen: der Tod von Kindern. "Das ist das Schlimmste, was Menschen passieren kann", sagt sie, selbst Mutter und Oma. "Oder wenn ein jüngerer Mensch mitten aus dem Leben gerissen wird, das ist oft ein Trauma."

Ist Trauerredner ein trauriger Beruf? "Nein, es ist das Schönste, was ich bisher gemacht habe. Es geht zwar um Trauer und Verlust, aber das steht nicht im Zentrum. Sondern ich kann Menschen helfen zu erkennen, was der Verstorbene ihnen hinterlassen hat." Liane Probst hilft Menschen, sich aus dem Schmerz zu lösen - denn "so wie der Abschied ist, kann der Neubeginn sein".