Leben und sterben, lachen und weinen – das gehört zusammen.“ Sagt Gabriele Fischer. Wer die 52-Jährige mit dem blonden Haarschopf kennt, ordnet sie eher dem komödiantischen Fach zu. Als Erlebnisgästeführerin verantwortet sie den Bereich „Leben und Lachen“. Ganz gleich, ob sie als Nachtwächterin in Ulm unterwegs ist, als herb-resolute Wirtin auftritt oder sich als Albrecht Berblinger von der Stadtmauer stürzt. Letzteres sollte man nicht wörtlich nehmen. Selbst das Thema „Sterben“ weist bei ihr komische Züge auf, wenn sie Touristen etwa als Henker Hartmann oder als Totengräberin Ersebeth durch die Stadt führt. Nach dem Motto: „Darf ich Sie jetzt um die Ecke bringen?“ Da bleibt kein Auge trocken.

Um so erstaunlicher die jüngste Wendung in ihrem an Wendungen reichen Leben; die Frau, die so gerne lacht und Sprüche klopft, „dass der Sau graust“ (O-Ton Fischer), hat sich neu erfunden: als Trauerrednerin. Was? Gabriele Fischer? Trauerrednerin? Ja, doch! Vor zwei Jahren sei sie am Scheideweg gestanden. Wie sollte es beruflich mit ihr weitergehen? Ihr Job stellte sie nicht zufrieden, er saugte zu viel Energie ab, selbst die Erlebnisführungen, die ihr sonst Kraft gaben, ermatteten sie. Dann musste sie auch noch zu dieser Beerdigung . . . „Die war so grottig. Ein bisschen Orgel, ein Vaterunser, keine gute Rede. Hinterher hab’ ich gedacht: Das kann man besser machen.“ Sie kann reden, sie kann mit Leuten – warum also nicht ins ernste Fach wechseln? Fünf Begräbnisse wollte sich Gabriele Fischer, die keiner Konfession angehört,  Zeit geben. Schauen, ob das passt. Was das aus ihr, der so lebenslustigen Person, macht. Sie ließ ein paar Flyer drucken, legte sie auf Friedhöfen und bei  Bestattern aus . . . 

Und der erste, der bei ihr anrief, fragte sie gleich, ob sie „die“ Gabriele Fischer sei. So ist das eben, wenn man ein Leben als bunter Hund führt. „Er hat mich sofort an der Stimme erkannt, ein paar Wochen zuvor war er bei einer Führung dabei.“ Sie geht offensiv damit um, dass sie die „lustige“ Gabriele Fischer ist. Und die „seriöse“ Gabriele Fischer hat Verständnis dafür, wenn jemand sagt: „Ach Gott, die Totengräberin Ersebeth. Bei der hab’ ich mich totgelacht. Die will ich aber nicht als Trauerrednerin haben.“

Mittlerweile hat sie rund 40 Beerdigungen hinter sich – Beerdigungen ganz unterschiedlicher Art. Für alte Menschen und für jüngere, wobei die jüngeren, die aus dem vollen Leben gerissen werden, sehr viel Kraft kosten. Die Mutter mit zwei Kindern beispielsweise, „halten Sie bitte meine Trauerrede“, habe die unheilbar an Krebs Erkrankte zu ihr gesagt. „Puuuh . . . das ist mir sehr schwer gefallen.“ Ganz nah am Wasser gebaut ist sie da, den Kloß im Hals kann sie beim Reden kaum verbergen. „Ich darf doch auch weinen, ich mach’ ja keinen x-beliebigen Job. Empathie ist wichtig.“ Zu viel Empathie kann aber auch ein Grund sein, eine Trauerrede abzulehnen. Für ein Kind zum Beispiel. Kinder, nein, sagt sie und schüttelt den Kopf, kann sie nicht und will sie nicht, dazu ist sie zu sehr Mutter.

Sie hält Reden vor 100 oder nur vor 5 Trauergästen, intensiv können beide Bestattungen sein, sagt Gabriele Fischer. Die einen, weil die Toten zu Lebzeiten viele Freunde und Verwandte um sich hatten, geliebt und beliebt und geschätzt waren. Die anderen, weil sie niemanden hatten. „Das macht mich dann sehr traurig“, sagt sie und fügt an: „Beerdigungen sind wie die Verstorbenen selber, die einen sind laut und heiter, die anderen leise und verdruckt.“ Was sich schon im Vorgespräch widerspiegelt: Da ist der Witwer, der kaum etwas Persönliches über seine Frau erzählt („Männer sind eher zurückhaltend, können nicht über ihre Gefühle reden“), und da ist die Witwe, die in der Erinnerung an ihren Mann aufblüht.

Ihre Aufgabe sieht sie darin, die Menschen aus ihrer Schockstarre zu holen, sie sind hilflos, wie gelähmt angesichts des Todes. Sie wissen bisweilen nicht, wie man eine Beerdigung gestalten kann, eine, die dem Verstorbenen auch gerecht wird. Mit Musik – sei es mit „Hell’s Bells“ von AC/DC, wenn das der Lieblingssong des Toten ist. Oder mit Textpassagen – sei es mit der „Möwe Jonathan“ des Schriftstellers Richard Bach, wenn die Verstorbene das Buch liebte. „Lebendig und persönlich“ soll die Trauerfeier sein, mit Betonung auf „Feier“, der oder die Verstorbene soll gefeiert werden. „Ich will mehr Mexiko“, sagt Gabriele Fischer. Das heißt: einen unverkrampften Umgang mit dem Tod.

Berufung? Das ist hochtrabend

Spaß, nein, Spaß macht ihr das nicht, das ist der falsche Begriff. Und eine Berufung ist es auch nicht, „das klingt zu hochtrabend“. Was Gabriele Fischer macht, bezeichnet sie als „Arbeit am Menschen, als verantwortungsvolle Arbeit“ – eine Arbeit, die ihr auch Kraft gibt. Seither steht sie anders im Leben, „ich bin gelassener, lebe bewusster“.

Und wenn sie an ihren eigenen Tod denkt? „Dann tut mir derjenige schon leid, der die Trauerrede halten muss, weil mein Leben so vielfältig war.“ Sagt sie und lacht. Dann hört sie gar nicht mehr auf zu lachen. Eines ist klar: Bei ihr wird’s laut und lustig.