Ulm / Hans-Uli Mayer  Uhr
Wenige Tage nach seinem 63. Geburtstag und vor seinem Ruhestand erliegt der Ulmer Polizeipräsident Christian Nill seinem Krebsleiden.

Für den Ruhestand hatte er sich nichts Besonderes vorgenommen. Der Familie wollte er sich mehr widmen, weniger fremdbestimmt sein. Vor allem auf die Zeit mit seiner Enkeltochter hatte sich Christian Nill gefreut. Vor fünf Wochen traf sich die Redaktion mit dem Ulmer Polizeipräsidenten zu einem langem Gespräch über den bevorstehenden Ruhestand, den er offiziell Ende Juli antreten sollte. „Meine Zeit ist vorbei“, hatte er am Tag des Gesprächs Mitte Mai vieldeutig gesagt, und damit wohl nicht nur die berufliche gemeint. Jetzt ist er im Alter von 63 Jahren gestorben – wenige Tage nach seinem Geburtstag und wenige Tage vor seinem Ruhestand.

Gezeichnet durch langjährige Krebserkrankung

An diesem 22. Mai wirkte Christian Nill körperlich angeschlagen. Die langjährige Krebserkrankung hatte ihn gezeichnet, dennoch strahlte er eine innere Ruhe und eine gewisse Zufriedenheit aus. Er sprach über berufliche Anstrengungen und Erfolge, plauderte ungewöhnlich offen über Privates. Über die Freude an seiner Enkeltochter, über den Halt, den er in seiner Familie fand, die Liebe zum Tubaspiel bei der Ulmer Stadtkapelle. Ohne Wehmut ließ er sein berufliches Leben Revue passieren und hoffte noch auf ein paar schöne Jahre, in denen er nichts machen wollte, was mit seinem Beruf zu tun hat – einfach etwas gänzlich Anderes und frei von jeder Fremdbestimmung wollte er sein.

Mit 22 Jahren kam Nill zur Polizei

So sehr er ein Leben nach dem Beruf ohne Beruf führen wollte, so sehr hatte er alle Kraft in diesen gesteckt. Den früheren Berufswunsch der Elektrotechnik hat er kurz vor Ende des Studiums aufgegeben. Mit 22 Jahren trat er stattdessen in den Polizeidienst ein und hat es vom einfachen Wachtmeister zu einem der wenigen Polizeipräsidenten im Land gebracht. Nill war ein Vollblut-Polizist. Halbe Sachen machte er nicht, halbe Sachen wollte er nicht. Im Nachhinein betrachtet, hat er aber zu viel gemacht, wie er in dem Gespräch selbstkritisch aber ohne Hader einräumte. „Die Belastung war über Jahre zu hoch“, hatte er gesagt und angefügt, das heute noch zu spüren. Nill hat sich hochgedient, und es schon von 2004 bis 2007 zum Leiter der damaligen Polizeidirektion Ulm gebracht. Danach ging es die Karriereleiter steil nach oben. Er wechselte ins Innenministerium, wo er Gesamtverantwortlicher war für die Einführung des landesweiten Digitalfunks für Polizei, Feuerwehr und Rettungskräfte. Im November 2010 stieg er zum Landespolizeipräsident in Stuttgart auf, und als wäre das an Arbeit nicht schon genug, berief ihn der damalige Innenminister Reinhold Gall in eine 13-köpfige Kommission zur Erarbeitung der Polizeistrukturreform. Die Familie wohnte damals noch in Elchingen und zog erst später in die Stadt. Nill pendelte zwischen Stuttgart und Ulm und kehrte erst wieder mit der Umsetzung der Reform zum Jahresbeginn 2014 nach Ulm zurück, wo er bis zuletzt Präsident des gebietsmäßig enorm angewachsenen Präsidiums Ulm war.

Er war stolz auf die Reform

Auf die Reform war er ebenso stolz wie auf seine Mitarbeiter im Präsidium. Ulm gilt tatsächlich in vielerlei Hinsicht als führend unter den zwölf im ganzen Land neu geschaffenen Einheiten. „Das Präsidium hat einen Stand erreicht, der der Vision nahekommt“, hatte Nill im Mai noch gesagt. Er war der erste Präsident landesweit, der sein Präsidium von der European Foundation for Quality Management (EFQM) überprüfen ließ und mit vier von sechs Sternen eine gute Bewertung erhalten hatte. Wenn die Polizei schon zu wenig Personal und zu wenig Geld habe, müsse wenigstens die Organisation optimal sein, war sein Credo. Sorgen hat ihm bis zuletzt die Verrohung in Wort und Tat gemacht. Angriffe auf Polizisten, vor allem aber der Hass in den so genannten sozialen Medien trieb ihn um. Als Mensch wie als Polizist bemängelte er stets fehlenden Respekt im Umgang miteinander und mahnte in den letzten Jahren immer deutlicher einen freundlicheren Umgangston an. Das Sicherheitsgefühl der Menschen war ihm wichtig, ihnen Sicherheit zu bieten, sein berufliches Bestreben.

„Lasst uns ganz arg auf unsere Demokratie aufpassen“

Wie wenig andere lebte er den bekannten Werbespruch von der Polizei, als dem Freund und Helfer. Er bewies Augenmaß auch in schwierigen Lagen, wie es im Polizeijargon heißt. Er stand für Deeskalation, bewertete die Sicherheitslage nüchtern und reagierte besonnen. Der gebürtige Tübinger, der Ulm längst seine Heimat nannte, agierte lieber im Hintergrund und überließ die Bühne gerne anderen.

„Lasst uns ganz arg auf unsere Demokratie aufpassen“, war einer der letzten Sätze beim Gespräch mit der SÜDWEST PRESSE. Es klang fast wie ein Vermächtnis. Vielleicht ahnte er damals selbst schon, dass ihm dazu nicht mehr viel Zeit bleiben werde. Christian Nill hinterlässt seine Ehefrau, zwei Kinder und eine Enkeltochter.

Das könnte dich auch interessieren:

Nach dem Überfall auf eine Volksbank-Filiale am Dienstag in Ilvesheim bei Mannheim wurde ein Tatverdächtiger festgenommen. Es handelt sich um einen 57-jährigen Franzosen. Die Ermittlungen dauern an.

Die Feuerwehr musste am Bahnhof Gaildorf West die Bremsen eines Güterzugs löschen. Die haben für Brände bei Fichtenberg gesorgt.