Es ist der 21. Dezember 1989, Neu-Ulm, Turmstraße, vor dem Pub „1900“. Charlie und seine Freunde steigen auf ihre Harleys. Mit schweren Bikerstiefeln, roten Helmen und Weihnachtsmützen, Rücksitze und Soziusse mit bunten Geschenken beladen. Die weißen Weihnachtsbärte flattern im Wind. Als Charlie und seine Freunde im Wiblinger Tannenhof einfahren, werden sie erst zaghaft, dann mit wachsender Begeisterung und Umarmungen von den Bewohnern empfangen. Ein junger Mann hält Charlie fest umschlossen und flüstert begeistert: „Du bist der Weihnachtsmann …!“ Es ist der Beginn einer mittlerweile 30-jährigen Tradition.

Toy Run Ulm: Wie alles begann

November 1989. Charles H. Heilman II, der aus Allentown, Pennsylvania, nach Ulm ausgewandert ist, erhält von seiner Schwester eine traurige Nachricht. Seine körperlich behinderte Nichte Paula Jean ist kurz vor ihrem 18. Geburtstag verstorben. „Ein Gedanke schoss mir durch den Kopf: Was mache ich jetzt mit dem Geschenk für Paula Jean?“ Charlie kommt eine zündende Idee. „Wie eine Stimme im Hinterkopf, die mir die Erkenntnis brachte!“ Er wird Paula Jeans Geschenk und viele weitere im Wiblinger Tannenhof, einem Behindertenheim für Erwachsene, verteilen.

Charles Heilman sitzt beim Toy Run mit dem Weihnachtsmann-Kostüm auf der Harley und fährt zum Tannenhof nach Wiblingen.
Charles Heilman sitzt beim Toy Run mit dem Weihnachtsmann-Kostüm auf der Harley und fährt zum Tannenhof nach Wiblingen.
© Foto: Volkmar Könneke

Charlie, inzwischen 62, wird von seinem Sohn Peter (30) zum „Toy Run“ begleitet. Den Bart muss er sich mittlerweile nicht mehr einfärben. Treffpunkt oder „Meetingpoint“, wie Charlie mit unverkennbarem Akzent sagt, ist das „Café D’Art“. Von dort aus geht es am 15. Dezember um 12.30 Uhr in einer bunten Santa-Biker-Formation zum Tannenhof. „Mitmachen kann jeder. Wer kein Motorrad hat, soll einen Helm mitbringen. Wir sehen zu, dass alle auf einem Motorrad Platz finden“, sagt Organisationstalent Charlie. Auch Autos begleiten inzwischen den bunten Weihnachtskorso Richtung Tannenhof. Im Neu-Ulmer Café D‘Art hängt eine Liste der Bewohner mit ihren Wünschen aus, auf der sich jeder eintragen kann.

Die Bewohner des Tannenhofs, ein Behindertenheim für Erwachsene, warten jedes Jahr sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann Charles Heilman.
Die Bewohner des Tannenhofs, ein Behindertenheim für Erwachsene, warten jedes Jahr sehnsüchtig auf den Weihnachtsmann Charles Heilman.
© Foto: Lars Schwerdtfeger

Charlie will den „Toy Run“ in ganz Deutschland verbreiten

Was der Weihnachtsmann vom Tannenhof und seine Freunde in ihren Päckchen mit sich führen, sind meist bescheidene Wünsche. Eine Schlager-CD, After Shave, ein Auto-Poster, mehrere Kuscheltiere. Dieses Jahr der Renner und vielfach auf der Liste vertreten: Kuschelschals und -socken. Charlie will seine Tradition fortführen. Sein größter Weihnachtswunsch, Jahr um Jahr: Dass sein „Toy Run“ auch außerhalb von Schwaben Nachahmer findet. Dass vor Weihnachten in ganz Deutschland die „Rocking Santas“ mit ihren Motorrädern ausfahren, um ein Lächeln zu verschenken. Charlie kramt ein zerknittertes Blatt aus der Tasche. „Für den Fall, dass mich jemand fragt, hab ich das ganze Jahr über ein kleines Informationsblatt zum Toy Run dabei. Es muss doch möglich sein, das auch in anderen Städten zu organisieren!“