An der Bartheke werden Getränke ausgeschenkt: Bier, Wein, Wasser. Zum Knabbern gibt es Chips und Nüsse. An den runden Tischen plaudern mehr als 50 Gäste, prosten sich zu. Ein Live-Sänger gibt verschiedene Lieder zum Besten, das Publikum stimmt beim Refrain mit ein. Was sich nach einem feuchtfröhlichen Abend in einer Kneipe anhört, spielt sich dreimal im Jahr in der Tomerdinger Martinskirche ab.

Unter dem Titel „Gottesdienstkneipe“ feiert die Gemeinde um Pfarrer Thomas Arndt einen Gottesdienst der besonderen Art. Die Idee kam dem 60-Jährigen im Herbst vor zwei Jahren: „Bei einem Mitsingabend in einem Blaubeurer Lokal hatte ich den Einfall, diese Atmosphäre in den Kirchenalltag zu bringen.“

Pfarrer Thomas Arndt: „Besondere Form der Gemeinschaft“

Daraus ist das Projekt Gottesdienstkneipe geworden – ein Begriff, der durchaus ein wenig provozieren soll: „Er will bewusst Gott und die Welt verbinden und steht für eine besondere Form der Gemeinschaft“, betont Arndt.

Im Unterschied zu einem klassischen Gottesdienst, bei dem die Besucher in Reihen hintereinander sitzen, zuhören und singen, ist hier ein aktives Miteinander angesagt, so der Gedanke. „Man bleibt nicht allein, sitzt mit anderen am Tisch, begrüßt sich, redet auch während des Gottesdienstes miteinander, isst und trinkt“, beschreibt Arndt.

Im Rahmen einer lockeren Liturgie gestalten die Gottesdienstbesucher den Abend gemeinsam und bringen sich ein. „Mit dieser Form des Feierns sind wir erstaunlich nah dran an der Art, wie die frühen Christen ihre Gottesdienste gefeiert haben“, merkt Arndt an. „Auch damals stand die Geselligkeit im Vordergrund.“

Gottesdienst in der Martinskirche spricht neues Publikum an

Demzufolge spricht das Konzept auch Menschen an, die nicht an konventionellen Gottesdiensten teilnehmen. „Die Leute kommen aus verschiedenen Städten und Dörfern der Ulmer Region“, sagt Arndt. Auch die jüngere Generation sei oftmals zahlreich vertreten.

Die Tomerdinger Martinskirche ist Arndt zufolge der ideale Ort für den Kneipengottesdienst, da sie keine Bänke hat. Hier ist es möglich, den historischen Kirchenraum mit Tischen und Stühlen wie ein Lokal einzurichten. Ein wichtiger Punkt ist das gemeinsame Singen, die Stücke begleitet Arndt auf der Gitarre. Beim Anfangssong „Die kleine Kneipe“ darf schon mal geschunkelt werden und als ein Gast unerwartet mit seiner Mundharmonika einstimmt, wird klar, dass hier auch Spontanität ihren Platz hat. Das Liedspektrum im Gottesdienst ist breit gefächert: „Die rund zehn Lieder sind eine Mischung aus modernen geistlichen Liedern sowie weltlichen Liedern von Liedermachern, dazu Schlager und Popsongs“, beschreibt Arndt.

Gottesdienstkneipe in Tomerdingen: Predigt wird Tischgespräch

Locker-entspannt ist die Atmosphäre, doch die geistliche Tiefe geht nicht verloren: „Zu einem Gottesdienst gehört natürlich auch Verkündigung, doch ist dies hier keine klassische Predigt. Wir lesen gemeinsam einen Text und reden an den Tischen darüber. Darauf gibt es einen Gedankenimpuls vom Prediger, das Publikum ist eingeladen, gemeinsam darüber zu sprechen“, schildert Arndt.

Auch ein Gebet gehört dazu: Alle, die möchten, können sich in freien Worten mitteilen. Den abschließenden Segen liest jemand aus den Besucherreihen vor.

Nach dem letzten Lied wird noch weitergeplaudert

Mit dem Lied „Gute Nacht, Freunde“ ist nicht unbedingt Schluss. An der Bartheke herrscht noch einmal Hochbetrieb. „Sie dürfen gerne noch sitzen bleiben“, lädt Pfarrer Arndt ein. Das nehmen einige gerne wahr. Sie plauschen und trinken noch etwas, auch Menschen, die sich erst am Tisch kennengelernt haben ...

Singen und feiern in der Martinskirche


Der nächste Kneipengottesdienst findet am Sonntag, 16. Februar 2020, in der Tomerdinger Martinskirche statt.