Tanz Tom wartet, und die Strado Compagnia Danza tanzt

Sehenswert: die neue Produktion der Strado Compagnia Danza.
Sehenswert: die neue Produktion der Strado Compagnia Danza. © Foto: Nik Schölzel
Uli Landthaler 02.01.2018
Die Strado Compagnia Danza zeigt im Stadthaus eine Tanzperformance mit wilder Attitüde und klugen Einfällen.

Wie schafft man das – als Tanzgruppe das Warten darzustellen? Dazu reichen der Stado Compagnia Danza im Stadthaus ein paar verblüffend simple Bilder. So platzieren sich die Akteure nebeneinander an ihren Requisiten-Würfeln, jeder ein bisschen anders: Man kniet, sitzt, lümmelt, lehnt sich an, stützt sich auf. Das ergibt ein halbes Dutzend Wartepositionen, keine wie die andere, aneinandergereiht die Dynamik des Sitzens. Oder sie machen auf Warteschlange: In Doppelreihe hintereinander aufgestellt winden sich alle hin und her, um nach vorne zu lugen – und schon gibt es eine dynamische Welle, ein treffliches Bild der Ungeduld, das Ende des Wartens hufscharrend herbeizuführen.

Warten ist in dem Fall weniger das passive Verharren auf etwas, das auf einen zukommt. Es ist meist ein Unterwegssein in einem undefinierten Raum, um irgendwann vielleicht auf ein Ziel zu treffen, wie auch immer es aussehen mag und wo es sich verbirgt.  So wie die Songs vom Tom Waits eben gestrickt sind, dem amerikanischen Barden mit der traurig-rauen Stimme, bei dem vor dem geistigen Auge Zerlumpte und Betrunkene durch Kneipenviertel streifen.

Das tun sie glücklicherweise nicht in der Tanzperformance, es ist ja keine „West Side Story“. Sondern der sehenswerte Versuch, aus einem philosophischen Begriff des Wartens und dazu passendem Songmaterial eine ganz eigene Tanzperformance ohne jedwede konventionellen Zugeständnisse zu machen. Der unverwechselbare eigene Stempel scheint die Haupttriebfeder für Choreograf Domenico Strazzeri zu sein, dem die Worte „Tanztheater“ oder gar „Ballett“ nicht über die Zunge kommen und der seine Performance kokett-tiefstapelnd als „schräg“ bezeichnet.             

Das Aktionsfeld von „Tom Waits – Tom wartet“ ist ein hergerichteter Stadthaus-Saal, der kaum wiederzuerkennen ist. Rundum schwarz verkleidet, die Fenster nicht sichtbar, mit Zuschauerpodest am Rand. Ein entrückter Ort des Wartens, ein Weltall auf dem Münsterplatz – mit weißen Würfeln als einzigen Requisiten. Schwarz-weiß, minimalistisch und mit Kubus, das passt schon mal zu Ulm, war aber sicher nicht nur deshalb so geplant. Die Würfel sind vor allem ein kluger Einfall, den schwarzen Raum zu gliedern, den Tänzern buchstäblich etwas an die Hand zu geben und das Bühnenbild im Sekundentakt zu variieren (Bühne: Katrin Strazzeri). Man sitzt drauf, lehnt sich an, wirft sich die Würfel zu oder stapelt sie zu einer kleinen Mauer. So umtriebig war das Warten noch nie, und Choreograf Strazzeri kann sein Faible für überraschende, quirlige, spektakuläre und auf keinen Fall  althergebrachten Szenerien und Bewegungsabläufe bis zur letzten Szene ausleben.

In ihrem Element

Dazu sind seine vier Tänzerinnen (Katharina Krummenacher, Ines Meißner, Hanna Münch und Christina Zaraklani) und zwei Tänzer (Jeff Pham und Lorenzo Ponteprimo) in ihrem Element. Mit Power, Kreativität und Variantenreichtum bringen sie ihre Sicht der Lieder von Waits und einigen anderen Songlieferanten auf den Tanzboden. Und sind dazu auch noch Schauspieler und Ansager, denn ein bisschen Wartesaal-Lyrik mit Stimmenverzerrer gehört ebenfalls zur Inszenierung: „Der Fliegenpilz wartet auf seine Punkte, denn er will ernst genommen werden.“

Darum, ernst genommen zu werden, braucht sich die kreative Truppe mit ihrem Waits-Programm keine Sorgen zu machen: Beim ausverkauften Premierenabend gab es langen Applaus. Und damit nicht genug, kündigte Domenico Strazzeri schon mal an, dass es beim „Ulm Moves“-Tanzfestival im Sommer noch interessanter wird.   

Noch neunmal im Stadthaus

Termine In den kommenden 14 Tagen gibt es von „Tom Waits – Tom wartet“ noch neun Aufführungen der Strado Compagnia Danza im Stadthaus: von Donnerstag bis Sonntag, 4. bis 7. Januar, sowie von Mittwoch bis Sonntag, 10. bis 14. Januar, jeweils 20 Uhr.