Eisiger Wind, zweistellige Minusgrade. Eine Person liegt auf einer Ulmer Parkbank und schläft. Kalt und ungemütlich hört sich das an. Für Betroffene ist es lebensgefährlich. Im Dezember 2009 erfror ein Wohnungsloser in der Friedrichsau, im Dezember 2010 in der Sedelhofgasse. Diesen Winter ist die klirrende Kälte erst vor wenigen Tagen über Ulm hereingebrochen. Noch hat kein Mensch Schaden genommen.

Im Übernachtungsheim des Deutschen Roten Kreuzes (DRK) ist mehr los als noch vor wenigen Tagen. "Am Mittwoch hatten wir fünf Neuzugänge", erzählt Leiterin Karin Ambacher. "Das ist außergewöhnlich. Die Leute sehen und spüren jetzt eben, dass es wahnsinnig kalt ist. Sie kommen vorsichtshalber zu uns." 28 Betten stehen im DRK-Haus in der Frauenstraße. 25 Wohnungslose nutzen sie derzeit, um die Nacht nicht im Freien verbringen zu müssen.

13 Leute sind derzeit längerfristig im Aufnahmehaus der Caritas untergebracht, sagt Erwin Gürtler von der Fachberatungsstelle der Caritas. "Bei uns sind die Schwankungen wetterunabhängig, doch bei der Kälte suchen sich die meisten Wohnungslosen Übernachtungsheime."

Damit niemand bei kalten Temperaturen draußen sein muss, hat die Stadt mit karitativen Einrichtungen und der Polizei ein "Gesamtkonzept zum Erfrierungsschutz" für Wohnungslose erarbeitet - auf Inititative des baden-württembergischen Kommunalverbands Jugend und Soziales. Es beinhaltet, dass in der kalten Jahreszeit das Übernachtungsheim niemanden abweist. Falls die Plätze nicht ausreichen, stellt die Stadt zusätzliche Betten in der Römerstraße bereit. Da Obdachlose ihre Hunde nicht in die Einrichtungen mitbringen dürfen, versorgt das Ulmer Tierheim die Vierbeiner vorübergehend.

Auch die Polizei drückt ein Auge zu. "Es gibt die Vereinbarung, dass Wohnungslose im Bahnhofsbereich länger als sonst geduldet werden", sagt Polizeisprecher Reiner Durst. Alle, die sich ruhig verhalten, dürfen dort übernachten. Stark alkoholisierte oder aggressive Menschen nehmen die Polizisten jedoch in Gewahrsam.

Für alle, die aus Stolz, Scham oder sonstigen Gründen trotz der Eiseskälte weder im DRK-Übernachtungsheim noch im Bahnhof nächtigen wollen, gibt es warme Polarschlafsäcke. "Die Stadt hat uns dafür Spendengelder zur Verfügung gestellt", erzählt Ambacher. In diesem Jahr habe allerdings noch keiner das Angebot genutzt und einen Schlafsack in der Frauenstraße abgeholt.

Wie viele Menschen in Ulm obdachlos sind und wie viele davon die Nächte im Freien verbringen, können die Experten nur schätzen. "Es gibt weitaus mehr Wohnungslose als die, die Beratung oder Unterkunft in Anspruch nehmen", sagt Ambacher. "Vor allem junge Menschen kommen oft bei Bekannten unter." Gürtler von der Caritas vermutet, dass höchstens eine Handvoll derzeit im Freien übernachtet. "Wenn überhaupt. Im Moment weiß ich von niemandem."

Tagsüber stehen Obdachlosen viele Orte offen, um sich aufzuwärmen. An manchen werden Essen und warme Getränke angeboten. Räume von DRK, Caritas und der Bahnhofsmission, die Vesperkirche sowie öffentliche Gebäude wie die Bibliothek oder die Volkshochschule. "Wenn man sich anständig benimmt, darf dort jeder für ein paar Stunden bleiben", sagt Gürtler. Alexander Wäger, ehrenamtlicher Mitarbeiter der Bahnhofsmission, und seine Kollegen haben in den vergangenen Tagen viele neue Gesichter im Schutzraum am Bahnhof gesehen. Die Obdachlosen nehmen Hilfe also an.

"Unsere Kirche ist tagsüber für jedermann geöffnet", erzählt Pfarrer Thomas Keller von der Katholischen Kirche St. Georg. Dem Kälteproblem könne die Kirche aber nicht richtig begegnen. "Aufwärmen ist etwas zu euphorisch ausgedrückt. Wir haben in der Kirche elf Grad." Wie viele Menschen sich dort aufhalten, weiß Keller nicht. Um Hilfe habe in letzter Zeit keiner gebeten.

Egal ob Tag oder Nacht, besonders gefährdet sind alkoholisierte Obdachlose, die einschlafen. "Wenn es zu kalt wird, wacht man auf", erklärt Gürtler. "Aber Betrunkene werden nicht wach und erfrieren." Dass sich viele Wohnungslose versteckte Plätze suchen, mache dies noch gefährlicher. "Es ist uns ein Anliegen, dass die Bevölkerung ein Auge auf den Nächsten hat", sagt er. Wer jemanden sehe, der auf einer Bank oder im Freien schläft oder hilfsbedürftig wirkt, solle vorsichtig auf ihn zugehen und ihn ansprechen, rät Gürtler. "Wir sind dankbar, wenn man sich dann bei uns meldet oder die 112 anruft. Man sollte lieber einmal zu viel jemanden verständigen als einmal zu wenig."