Projekte Tim von Winning: In Ulm stehen Großinvestitionen an

HANS-ULI THIERER 15.09.2016
Die Straßenbahn kostet die Stadt Ulm 100 Millionen Euro. Daneben stehen laut Baubürgermeister Projekte von einer weiteren halbe Milliarde zur Diskussion. <i>Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Ausdruck der Attraktivität.</i>

Irgendwann ertappte sich Tim von Winning dabei, dass er sich in sanfte Ironie flüchtete. „Es wird im Herbst nicht zuletzt darum gehen, was wir alles nicht machen.“ Mit diesen Worten kommentierte er als Grußwortredner auf dem Sommerempfang der SPD-Rathausfraktion eine Zahl, die er zuvor genannt hatte: knapp eine halbe Milliarde Euro.

Das ist die Summe für Investitionsprojekte, die in Ulm auf einer aktuellen Liste für die kommenden zehn Jahre stehen. Heruntergerechnet wären das 50 Millionen Euro pro Jahr. Nicht mitgerechnet die 100 Millionen Euro für den Bau der Straßenbahnlinie 2. Sie läuft auf einer eigenen finanziellen Spur und muss bis  Ende 2019 nicht nur gebaut, sondern auch finanziert und abgerechnet sein; nur dann fließen die anderen 100 Millionen an Zuschüssen von Bund und Land vorbehaltlos.

Geschockt war im neuen, ob seiner modernen Architektur nicht nur von SPD-Fraktionschefin Dorothee Kühne gerühmten  Gemeindehaus der Martin-Luther-Kirche (Planung: Büro  Meister Architekten Ulm)  wegen dieser Zahl niemand. Lag die Gelassenheit der weit mehr als 100 Gäste an der die Trägheit befördernden Spätsommerhitze? Oder war es der Umstand, dass sich die städtischen Investitionen schon seit Jahren in dieser Größenordnung bewegen?

Für von Winning gibt es in nächster Zeit außer Straßenbahn und Bahnhofsplatz (siehe gestrige Ausgabe) noch andere Herausforderungen.  Ganz vorne: der Wohnungsbau. „Ulm hat erheblichen Zuzug, nicht nur durch Flüchtlinge, sondern weil es attraktiv ist.“ Er spreche nicht von Wohnungsnot. Aber angesichts des Umstands, dass 1950 eine Person 20 Quadratmeter bewohnte, während es heute 45 Quadratmeter seien, stelle die Wohnungsversorgung eine große Aufgabe dar. Es gelte, diejenigen nicht aus dem Blick zu verlieren, „die auf dem Markt keinen Ort mehr finden“. Von Winning plädiert bei Baugebieten und Verdichtungen für eine Quartiersentwicklung, in der alle Einkommensschichten Platz finden. Denn: Am besten funktionierten Gesellschaften, „in denen unterschiedliche Menschen nebeneinander leben“.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Ausdruck der Attraktivität

Kuhberg, Safranberg, Eselsberg mit Hindenburg-Kasernengelände, dazu die laufende Erschließung des Gebiets Lettenwald in Böfingen: Die Ulmer Wohnbauentwicklung der nächsten Zeit spielt sich – außer auf kleineren Konversionsflächen?in der Kernstadt – auf den Ulmer Höhenlagen ab. Jenseits allen Getümmels auf und Gebrummels über Baustellen, die wie die Wohnungsnachfrage Ausdruck der hohen Anziehungskraft von Ulm sind, sieht Tim von Winning in der Wohnraumversorgung eine zentrale Herausforderung.

Wer wollte dem Baubürgermeister  widersprechen, wenn er wie jetzt auf dem Sommerempfang der SPD  darauf verwiesen hat, dass auf diesem Feld nicht nur ein Mengenproblem zu bewältigen ist? Von Winning ist entschlossen, konzeptionell gegen die in besseren Wohnlagen auch in Ulm erkennbaren Tendenzen des Unter-sich-bleiben-Wollens bis hin zu Segregationen vorzugehen. Seine Überzeugung ist, dass das Stadtleben dort am besten funktioniert, wo Menschen unterschiedlicher Einkommenshöhen und Herkünfte miteinander leben. Von Winning ist deshalb, das ist kein Geheimnis, auch ein  Befürworter von kleinen genossenschaftlichen Konzepten, von Baugruppenmodellen, mit denen er in Tübingen gute Erfahrungen gemacht hat.

Mehr denn je gefordert ist die städtische UWS.  Sie macht zurzeit im Neubaugebiet Lettenwald beispielhaft vor, dass auch in Neubaulagen preisgünstiger Wohnraum möglich ist.