„Tiere werden zum Rauchen gezwungen“ – unter dieser Überschrift kritisiert der Verein „Ärz­te gegen Tierversuche“ Forschungsprojekte an mehreren wissenschaftlichen Einrichtungen in Deutschland. Auch die Uni Ulm wird aufgeführt. Am Institut für Anästhesiologische Pathophysiologie und Verfahrensentwicklung werde bei Mäusen, die eine Woche lang jeden Tag in einer Plastikbox sitzend Zigarettenrauch einatmen müssten, durch Blutentzug ein Blutungsschock ausgelöst. Zudem werde durch eine auf den Brustkorb gerichtete explosionsartige Luftwelle eine Quetschung der Lunge herbeigeführt. Damit solle gezeigt werden, dass sich Rauchen bei schweren Lungenquetschungen negativ auswirke.

Ethische Gründe

„Es ist erschütternd, dass solche grausamen und abstrusen Versuche von deutschen Behörden genehmigt werden“, sagt Dr. Gaby Neumann vom in Köln ansässigen Verein, der bundesweit 2700 Mitglieder – darunter ein Drittel Ärzte – zählt.

Prof. Peter Radermacher, Leiter des Instituts für Anästhesiologische Pathophysiologie und Verfahrensentwicklung, bleibt ob der Vorwürfe gelassen. Voraus schickt er, dass die Versuchstiere keinen Qualen ausgesetzt seien. „Es läuft alles ab wie bei menschlichen Patienten auf einer Intensivstation. Die Tiere sind in tiefster Narkose und leiden nicht.“ Selbstverständlich seien die Versuche genehmigt, auch die Tierschutzbeauftragten der Uni hätten keine Bedenken geäußert.

Die Experimente finden im Rahmen des Sonderforschungsbereichs (SFB) 1149 „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potenzial nach akutem Trauma“ statt, erläutert Radermacher. Bei den Mäusen simuliere man durch Rauchzufuhr eine chronische Lungenschädigung vergleichbar mit der von COPD-Patienten. Zudem setze man die Tiere durch Druckwellen einem Lungentrauma aus. Ziel sei es, im Rahmen einer dann einsetzenden intensivmedizinischen Behandlung herauszufinden, ob sich die Gabe von hochdosiertem Sauerstoff positiv auf die Traumafolgen auswirke.

Vorerkrankungen rechtzeitig behandeln

Selbstverständlich kennt Radermacher Vorwürfe, Forschung an Mäusen mache wenig Sinn, weil sie sich nicht auf die menschliche Physiologie übertragen lasse. Er weist das zurück. „Wir haben Studien an Tieren durchgeführt, die zur Folge hatten, dass eine Behandlung gar nicht erst in die Klinik kam, weil sie für Patienten potenziell schädlich war.“ Ziel der Traumaforschung sei es, Leid beim Menschen zu mindern, betont der Mediziner. Bei Unfällen erlitten Opfer oft schwerste Schmerzen. Radermacher zufolge hat das Projekt eine Laufzeit von vier Jahren. Etwa 100 Mäuse würden verwendet.

In einer am Montag verschickten Stellungnahme der drei Sprecher des Sonderforschungsbereiches heißt es: „Vorerkrankungen, wie beispielsweise die bei langjährigen Rauchern häufig auftretende chronisch obstruktive Lungenerkrankung COPD, haben einen negativen Einfluss auf die Überlebenschance nach Trauma. Bei einem schweren Verkehrsunfall etwa haben COPD-Patienten ein dreifach erhöhtes Risiko, ein Lungenversagen zu erleiden. Warum das so ist und wie Traumapatienten mit COPD optimal behandelt werden können, ist bislang noch nicht ausreichend verstanden“, schreiben die Professoren Florian Gebhard, Markus Huber-Lang und Anita Ignatius.  In tierversuchsfreien Modellen lasse sich das komplexe Zusammenspiel der Lunge mit anderen lebenswichtigen Organen keineswegs erforschen.

Diese Argumentation beeindruckt Dr. Gaby Neumann nicht. Auch ohne Detailkenntnis hält sie die Versuchsreihe für „mehr als zweifelhaft, weil Mäuse anders reagieren als Menschen“. Generell sei es ein Missstand, dass in Deutschland nur etwa ein Prozent der verfügbaren Gelder in tierversuchsfreie Forschung flössen.

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Ziel: Grundlegendes Verständnis für Verletzungen


Trauma: Rund acht Millionen Deutsche erleiden jedes Jahr ein Trauma und verursachen so geschätzte 30 Milliarden Euro Gesundheitskosten – Arbeitsausfälle eingerechnet. Bei Menschen unter 45 Jahren gelten traumatische Verletzungen, oft durch Unfälle bedingt, als häufigste Todesursache. Im 2014 bewilligten und im vergangenen Jahr verlängerten Sonderforschungsbereich 1149 „Gefahrenantwort, Störfaktoren und regeneratives Potenzial nach akutem Trauma“ geht es darum, ein grundlegendes Verständnis traumatischer Verletzungen bis auf die molekulare Ebene zu erlangen.

Förderung: Die Deutsche Forschungsgemeinschaft (DFG) unterstützt die Ulmer Traumatologie in der aktuellen Phase mit Fördergeldern von 10,6 Millionen Euro. An dem interdisziplinären Forschungsvorhaben sind 19 Kliniken und Institute der Ulmer Universitätsmedizin beteiligt.