Geschredderte Küken und eine Kuh, die erschossen wird – die Videos, die die „Earthlings Ulm“ in der Innenstadt zeigen, haften im Gedächtnis. Genau das ist das Ziel der Frauen und Männer, die sich regelmäßig zu einem „Cube of truth“ in der Hirschstraße versammeln. Bei dieser friedlichen Demonstration stehen die Tierschützer in Würfel- oder Kreisform, halten Laptops in der Händen, auf denen die schrecklichen Szenen laufen, und tragen „Guy Fawkes“-Masken, die man auch von Anonymous-Aktivisten kennt. Denn im Vordergrund soll nicht der Mensch stehen, sondern das Tier: „Die Leute sollen sich auf die Videoaufnahmen konzentrieren“, sagt Sina Hausner-Hirschle, die sich um den Social-Media-Auftritt der Gruppe kümmert. Außerdem erregen die Masken „besonders viel Aufmerksamkeit“.

Die Geschichte der Ulmer Tierschutz-Bewegung begann vor zwei Jahren, als zwei Aktivisten auf Ulms Straßen für Tierrechte protestierten. Mittlerweile zählen die „Earthlings Ulm“ 50 Mitglieder. Es sind Frauen und Männer im Alter von 20 bis 50 Jahren, Studenten und Berufstätige, die ihr gemeinsames Ziel vereint. Im Vordergrund steht eine vegane Lebensweise, von der sie möglichst viele Menschen überzeugen wollen.

„Earthlings Ulm“: Alle zwei Wochen in der Hirschstraße in Ulm

Dazu versammeln sich alle zwei Wochen freitags oder samstags von 15 bis 18 Uhr bis zu 15 Mitglieder in der Hirschstraße nahe des Modehauses „Reischmann“. Ab und zu stehen die Tierschützer mit ihren Laptops auch in der Neuen Mitte. Neben den maskierten Aktivisten gibt es auch diejenigen, die ihr Gesicht zeigen, und mit Fußgängern das Gespräch suchen. Man rede nur mit solchen, die Interesse zeigen, erklärt Sina Hausner-Hirschle.

Der „Cube of truth“ zeigt offenbar Wirkung: „Ziemlich viele Leute bleiben stehen“, erzählt Sina. Obwohl oder gerade weil die Bilder von gequälten Schweinen und sterbenden Kühen schockieren. Bei jeder Aktion führe man 30 bis 40 „positive Gespräche“ mit den Passanten. Das heißt, dass sie ihr Konsumverhalten aufgrund der Gespräche und Eindrücke reflektieren, erklärt die 29-Jährige. Manchmal entscheiden sich Passanten sogar direkt dazu, vegetarisch oder vegan zu leben, nachdem sie sich bei den „Erdlingen“ informiert haben. Gegenwind gebe es kaum, Kritiker gehen einfach schnell weiter, sagt Sina – Beleidigungen oder Rüpeleien habe man noch nicht erlebt.

Mit Kreide malen die „Earthlings Ulm“ Sprüche und Tiere auf Straßen und Plätze in Ulm.
© Foto: Tobias Pfemeter

Missstände in der Fleischindustrie aufzeigen

Für die Tierrechtler ist es aber auch schon ein Erfolg, wenn sie mit ihren Videos und Informationen Aufklärungsarbeit leisten: „Viele denken, dass solche Zustände nur im Ausland herrschen, aber nicht bei uns in der Region“, sagt Sina und macht klar: „Das stimmt aber nicht.“ Die Aktivistin nennt Beispiele wie den Fall von Tierquälerei in Merklingen, wo ein Landwirt Schweine in katastrophalen Verhältnissen gehalten hatte. Das Videomaterial, das beim „Cube of truth“ gezeigt wird und hauptsächlich die Missstände in der Fleischindustrie aufzeigt, stammt teils von der „Soko Tierschutz“, mit der die Ulmer Gruppe kooperiert.

Zu den Aktionen der Earthlings, die ihre Veranstaltungen mit Spenden finanzieren, zählen auch Vorträge. Neulich waren sie im Ulmer Kulturzentrum Gleis 44 zu Gast, wo die Tier-Doku „Dominion“ gezeigt wurde. Die Aktivisten treffen sich außerdem zu den „Vigils“, besondere Mahnwachen am Schlachthaus: „Wir nehmen Abschied von den Tieren“, erzählt Sina. Oft halte der Tiertransporter an, sodass sie und die anderen „Erdlinge“ den Schweinen noch Wasser geben können. Was die Tierfreunde dort sehen, geht ihnen nahe: „Man sieht, dass die Tiere Angst haben oder schon mit ihrem Leben abgeschlossen haben.“ Die Mahnwachen werden gefilmt und im Netz veröffentlicht.

Mit ihren Kreide-Aktionen und Vorträgen werben die Aktivisten im Gleis 44 für Tierschutz und Veganismus.
© Foto: Tobias Pfemeter

Auch mit Bildern von Kühen und Schweinen sowie Botschaften, die sie mit Kreide auf die Straßen malen, hinterlassen die Aktivisten in Ulm ihre Spuren.

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Ulm

„Jeder, der ein Herz für Tiere hat, kann die ,Earthlings Ulm' unterstützen“ – aber eine Bedingung gibt es: Man muss mindestens Vegetarier sein, im besten Fall verzichtet man komplett auf Tierprodukte. „Wer Fleisch isst, ist nicht so weit, bei uns mitzumachen“, stellt Sina klar. Wer Interesse hat, kann zum Stammtisch kommen – Ort und Zeitpunkt werden auf der Homepage und auf Facebook veröffentlicht. Ganz Mutige können auch direkt zu den Demos in die Hirschstraße kommen. Der nächste „Cube of truth“ findet am Samstag, 12. Oktober, von 15 bis 18 Uhr statt.

Dieser Artikel ist in Kooperation mit cityStories Ulm entstanden.

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