Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer sieht viel Theater vor Gericht

Schauspielkunst erlebt der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer in den Verhandlungen oft – aber eine Skulptur ist im Foyer des Justizzentrums in der Schützenstraße auch zu bewundern: „face to face“ von Reiner John.
Schauspielkunst erlebt der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer in den Verhandlungen oft – aber eine Skulptur ist im Foyer des Justizzentrums in der Schützenstraße auch zu bewundern: „face to face“ von Reiner John. © Foto: Oliver Schulz
Neu-Ulm / Jürgen Kanold 15.08.2018
Der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer sieht viel Theater – auf der Bühne, aber auch im Gerichtssaal.

Den Fotografen können Sie hereinlassen, der schießt nur Bilder“, ruft Thomas Mayer dem Beamten an der Sicherheitsschleuse lachend zu. Der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor hat Humor. Ein Gespräch über Kultur? Mayer empfängt den Besucher mit dem Skulpturenführer Ulm/Neu-Ulm in der Hand, denn darin ist auch das Objekt „face to face“ von Reiner John aufgelistet, das im Treppenhaus die Sichtbetonwand ziert: neun Quader aus Edelstahl, mit Airbrush bearbeitete Siebdruck-Gesichter leuchten bunt durchs Glas. Es ist „Kunst am Bau“, ausgesucht und erworben 2009 fürs damals neue Sitzungsgebäude in der Schützenstraße.

„face to face“: Das passt ja gut ins Amtsgericht. Aber es geht jetzt nicht um Richter und Angeklagte, die sich gegenübersitzen. Thomas Mayer, der nach dem Jurastudium in Augsburg und einer kurzen Zeit als Rechtsanwalt seit Jahrzehnten im bayerischen Staatsdienst als Staatsanwalt und vor allem Richter steht, bringt den neuen amtlichen Slogan ins Spiel: „Justiz ist für die Menschen da.“ Schließlich gehe es nicht nur um Strafsachen, sondern um vielerlei Bürgerdienste, vom Grundbucheintrag bis zum Nachlass.

Mayer, 64, leitet seit 2009 die Neu-Ulmer Behörde: das einzige „bayerische Amtsgericht“ in Bayern – es darf so heißen, damit es keine Verwechslung mit dem württembergischen Ulm jenseits der Donau gibt. In seinem Büro zeigt Mayer mit großem Stolz auch auf ein Gemälde – das historische Porträt des Prinzregenten Luitpold, gemalt von Walther Firle (1859-1929), das er „verstaubt und verdreckt“ in der Gerichtsbibliothek der Außenstelle Illertissen entdeckt hat. Also ziemlich viel Bayern-Patriotismus für einen gebürtigen Ulmer.

Herr Mayer, wir unterhalten uns über die Kultur, aber eine Verhandlung vor Gericht kommt einem auch gelegentlich vor wie ein Schauspiel. Es gibt Dramen und Komödien, Gute und Böse, die Rollen sind verteilt.

Thomas Mayer: Ja, das stimmt, als Richter dürfen Sie dabei nicht die Übersicht verlieren, manche Zeugen und Angeklagte haben gewissermaßen schauspielerisches Talent. Wer das weiß, bekommt die Sache in den Griff. Und es geht ja auch nicht um juristische Paragraphen, sondern um menschliche Dramen.

Denken Sie manchmal als Amtsrichter: Hallo, bin ich jetzt eigentlich im Theater?

Gerichtsverhandlungen haben auch komödiantische Qualitäten. Wenn zum Beispiel ein so genannter Reichsbürger erscheint, sagen wir mal ein Hans Müller, und der dann sagt: Nein, er heiße Hans aus dem Hause Müller . . .

Gehen Sie ins richtige Theater?

Ja, sehr gerne. Meine Frau hat sogar ein Premierenabonnement in Ulm, aber donnerstags komme ich leider in eine Notlage, weil ich zur Probe muss mit Andreas Weils Stimmkunst-Chor.

Was sind denn so die Justizdramen?

Gerhart Hauptmann hat viele juristische Themen aufgegriffen, tragische Richterfiguren auf die Bühne gebracht. Und mit dem „Zerbrochnen Krug“ von Kleist bin ich schon in der Schule malträtiert worden – sowieso sollte der Humor nicht vergessen werden. Den wünsche ich mir manchmal auch mehr von den Kollegen.

Was halten Sie davon, dass Ferdinand von Schirach, auch ein Jurist und ein Bestsellerautor, mit seinem Theaterstück „Terror“ ein Millionenpublikum zu Schöffen macht?

Das hilft auch sehr, Verständnis für die Arbeit der Justiz zu wecken. Es ist wichtig, dass der Bürger akzeptiert, was die Justiz macht. Wir sind ein Pfeiler in der Gewaltenteilung, da müssen wir in der heutigen Medienwelt, in der Präsidenten per Twitter Weltpolitik raushauen, natürlich mitspielen, um uns Gehör zu verschaffen.

Lesen Sie gerne Krimis? Und prüfen Sie dann zum Spaß gleich die Fälle juristisch?

Die Kriminalromane sind ja im Regelfall völlig unrealistisch. Es ist mir egal, ob da etwa in einem Mordfall auch tatsächlich juristisch die Mordmerkmale erfüllt sind. Mir geht‘s nur um die spannende Lektüre, ich lese gerne die Skandinavier.

Krimi-Stoffe begegnen Ihnen aber wahrscheinlich auch öfter mal bei der Arbeit?

Mord-Delikte werden ja nicht am Amtsgericht verhandelt. Aber ich erinnere mich zum Beispiel an einen Fall von Fahren ohne Fahr­erlaubnis – der Angeklagte hatte jedoch eine erhebliche Vorstrafe: Beihilfe zum Mord. Seine verheiratete Freundin wollte ihren Gatten um die Ecke bringen, sie mischte ihm ein Betäubungsmittel ins Essen. Er half ihr dann, den Mann in die Badewanne zu schleppen, wo sie ihm die Pulsadern aufschlitzen wollte, damit es nach Selbstmord aussieht. Nur dass der Mann dann aufwachte, weil das Gift nicht wirkte.

Oh ja, da müssen Sie keine Krimis mehr lesen. Das Aktenstudium genügt. Lokalpolitik ist wahrscheinlich weniger aufregend.  Sie sitzen für die CSU im Stadtrat. Welchen Stellenwert hat die Kultur in Neu-Ulm?

Neu-Ulm tut sich im Schatten der alten, stolzen freien Reichsstadt Ulm natürlich sehr schwer. Allein schon das tolle Theater dort – ich kann mich noch gut an die Eröffnung des Neubaus an der Olgastraße erinnern, 1969 war das, als der schon verstorbene Paul Schmid, ein Ur-Revoluzzer, als Einziger mit einem selbstgebastelten Schild demonstrierte. Die Parole lautete: Brecht würde sich im Grabe rumdrehen, wenn er dieses Premierenpublikum sehen würde.

Aber zurück in die Gegenwart, nach Neu-Ulm . . .

Wir Neu-Ulmer sind natürlich dankbar um jeden Kulturschaffenden, der zu uns kommt und etwas aufbaut. Als Stadt in dieser Größenordnung brauchen wir auch weiche Standortfaktoren wie eine Kulturszene. Wir können ja nicht sagen: Bei uns wohnt man, aber für die Kultur ist Ulm zuständig! In einem Haushaltsplan lässt sich leider der Erfolg der Kulturarbeit schlecht abbilden, da gibt es immer wieder Streit, manche Stadträte sagen, das sei rausgeschmissenes Geld. Es kommt auf das richtige Maß an. Dass wir beispielsweise ein alternatives Projekt wie die Putte fördern, ist eine gute Sache. Und da kommen sogar die Ulmer.

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Bücher, Musik, Filme

Was er auf eine einsame Insel mitnehmen würde? Diese Frage klingt für einen Richter vielleicht zu sehr nach Verbannung – aber im Ernst: Die Romane und Erzählungen von Thomas Mann habe er besonders gerne gelesen, sagt Thomas Mayer, weil der Nobelpreisträger so kunstvoll mit der Sprache umgehe. Für einen Juristen kein unwichtiges Qualitätsmerkmal.

Musik? Dixiland höre er besonders gern, überhaupt Jazz. Wobei er auch immer mehr die Klassik entdecke – als Chorsänger bei Andreas Weil.

Lieblingsfilm? Da muss Mayer eigentlich nicht lange überlegen und nennt die „Derrick“-Krimis im Fernsehen, die er sehr mochte. Warum? Weil der Oberinspektor einfach nur die Fälle löste und keine Privatgeschichten erzählt wurden: „Der hatte nicht mal eine Frau.“

Unsere Sommerserie

Auf der Kulturseite schreiben wir Tag für Tag über Kulturschaffende aller Art. Aber Kultur spielt im Leben der meisten Menschen eine Rolle. Und daher führen wir in diesem Sommer Gespräche mit Menschen aus Politik, Wirtschaft, Sport und überhaupt dem öffentlichen Leben über Kultur. Nach dem Ulmer Baubürgermeister Tim von Winning und Gold-Ochsen-Chefin Ulrike Freund ist heute der Neu-Ulmer Amtsgerichtsdirektor Thomas Mayer an der Reihe.

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