Ulm / CLAUDIA REICHERTER  Uhr
Drei Personen spielen in Thomas Bernhards "Am Ziel". Von denen redet fast nur eine: die Mutter. Eine Aufführung im Podium des Theaters Ulm, bei der es ganz tief reingeht in die menschliche Seele.

Wie die Figur auf einer überdimensionalen Hochzeitstorte thront sie da. Inmitten des ganz in Blau gehaltenen Dekors der Podiumsbühne am Theater Ulm: eine überragende Christel Mayr als Mutter in Thomas Bernhards Drei-Personen-Drama "Am Ziel". Sie gibt in Katja Langenbachs Inszenierung die alternde Femme fatale der holländischen Bourgeoisie mit vielen Neben-, Über- und Zwischentönen. Die anderen Charaktere in dem zweistündigen Stück? Die Tochter (Renate Steinle) und "ein dramatischer Schriftsteller" (Fabian Gröver) haben kaum etwas zu sagen.

Vor allem die Tochter nicht. Brav packt sie von Kleiderbügeln weg die Koffer, um wie in den vergangenen 20 Jahren mit der dominanten dauerquasselnden Mutter die Sommerfrische im Ferienhaus an der See zu verbringen. Nach 30 Minuten spricht sie den ersten, zaghaft aufrührerischen Satz: "Am Meer ist es auch feucht."

Optisch bildet Renate Steinle im roten Kleid den einzigen Kontrapunkt in Mona Hapkes monochromem Bühnenraum. Von der Aussicht auf die Farbe Rot im Leben, auf Liebe, eine Hochzeit gar sind wir im Kosmos des österreichischen Oberätzers Bernhard weit entfernt. Die gibt es in dessen Stück mit dem namenlosen Jung-Dramatiker ebensowenig wie mit dessen Vorgängern. "Johannes, hast Du eigentlich von dem mal wieder etwas gehört?", fragt die Matrone scheinheilig säuselnd. Oder von Raimund? Den mochte sie ja besonders.

Aber nein. "Alle zogen sich zurück, weil Du alles falsch gemacht hast." Das führt zum zweiten zaghaften Aufbegehren. "20 Jahre sind genug, und er bleibt ja auch nur zwei Tage", konstatiert die Tochter. Soll heißen: Es war kein Fehler, den jungen Mann im Sinne eines Durchbrechens der alles andere als behaglichen Zweisamkeit ins Feriendomizil einzuladen. Doch die egozentrische Erzeugerin auf dem Gepäckberg rückt die Rollenverteilung gleich wieder zurecht: "Du gehörst mit Haut und Haaren mir."

Am Ferienort angekommen, trägt die Mutter Pelz, die Tochter packt die Koffer aus. Nun ist der Schriftsteller auf seinem Köfferchen hockend Gegenstand des psychologisierenden Wörterschwalls. Die Tochter verbündet sich kurioserweise mit der Übermutter und zwängt ihn am Ende in den Mantel des Vaters. Das letzte Wort aber hat Mutti: "Ich fürchte, er wird länger als nur ein paar Tage bleiben."

Das Abseitige wird in der subtil gekürzten Fassung von Thoma Bernhards Stück ebenso gestreift wie das Altbekannte. Die menschliche Natur steht im Zentrum. Sowohl in der Mutter als auch im Schriftsteller sind Anteile des Dichters zu erkennen, und wer dessen exquisites Gelästere zwischen zynischem Witz und todtraurigen Einschüben mag, der wird den Abend sehr genießen - auch wenn außerlich nicht viel passiert.

Info
Nächste Aufführungen im Podium des Theaters Ulm: 24. April; 4., 11., 15., 17., 25., 29. Mai. Karten: Telefon 0731/161 4444.