Besucher-Statistik Theater Ulm: Drama in Zahlen

Intendant Andreas von Studnitz im Juli bei seiner Verabschiedung.
Intendant Andreas von Studnitz im Juli bei seiner Verabschiedung. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / Jürgen Kanold 08.12.2018
Der Geschäftsbericht zur letzten Studnitz-Saison liegt vor: ein mittleres Desaster. Die Erwartungen an den neuen Intendanten steigen.

Als Andreas von Studnitz im Jahre 2006 als Intendant des von ihm schnell umbenannten Theaters Ulm antrat, verkündete er lauthals, die 85 Prozent Platzausnutzung seines Vorgängers Ansgar Haag noch übertreffen zu wollen. Er kratzte in seinen zwölf Jahren dann nicht mal die 80er-Marke im Großen Haus. Und in seiner letzten Saison waren es nur 73,4 Prozent, wie der gestern im Kulturausschuss des Gemeinderats von Verwaltungsdirektorin Angela Weißhardt vorgelegte Geschäftsbericht ausweist.

Zahlen mit Vorsicht betrachten

Wobei solche Zahlen vorsichtig zu betrachten sind. So muss das Theater in Ulm ein Großes Haus mit 815 Plätzen bespielen, während der große Saal des Heidelberger Theaters 550 Plätze bietet oder das Große Haus des Theaters in Freiburg, einer Stadt mit doppelt so vielen Einwohnern, auch nur 900 Plätze fasst. Und über die künstlerische Qualität der Aufführungen sagt das auch nichts aus.

Im Kulturausschuss wollten gestern die eher weihnachtlich gestimmen Stadträtinnen und Stadträte nicht „nachkarten“. Es lohnt sich aber, den Geschäftsbericht genauer zu lesen und auch im Archiv nachzublättern. Neben den praktisch ausverkauften elf Neujahrskonzerten, dem Musical „Rock of Ages“ (98,5 Prozent Platzausnutzung) und der Verdi-Oper „Nabucco“ (96,7) war in der Saison 2017/2018 das Schauspiel „Die lächerliche Finsternis“, vom Intendanten selbst inszeniert, extrem erfolgreich: elf Vorstellungen mit 97 Prozent Platzausnutzung – klingt gut, nur dass die Zuschauer in dieser speziellen Produktion auf der Drehbühne saßen, die nur 99 Plätze hatte. So lässt sich das Große Haus schnell füllen.

Anderes Beispiel: das vom Intendanten inszenierte Kindermärchen „Schneewittchen“. Mit einer Platzausnutzung von 76,4 Prozent lag die Produktion über dem Durchschnitt. Allerdings waren nur 30 Vorstellungen angesetzt. Im Vergleich: In der ersten Studnitz-Saison 2006/2007 zeigte das Theater 49 Vorstellungen von „Pinocchio“ mit einer Platzausnutzung von 84,1 Prozent – macht 33 ­622 Zuschauer. Bei „Schneewittchen“ waren es noch 18 696, fast die Hälfte weniger.

Absoluten Zuschauerzahlen sind ein Desaster

Tatsächlich sind die absoluten Zuschauerzahlen interessant – und ein Desaster. Für die vergangene Spielzeit vermeldet das Theater 154 600 Besucher. Vor zwei Jahren, als ebenfalls die Wilhelmsburg nicht bespielt wurde, waren es knapp 176 000 gewesen. In der perfekten Wilhelmsburg-Saison 2014/2015, als allein 35 000 Menschen auf die Burg strömten, verbuchte das Theater 205 000 Zuschauer. Intendant Ansgar Haag aber zählte etwa in der Saison 2004/2005 allein im Großen Haus rund 182 000 Zuschauer, bei allerdings auch 277 Vorstellungen, unter von Studnitz waren es zuletzt nur 220.

Auch die Abonnement-Zahlen erzählen diese Geschichte. Angesichts des vielfältigen Angebots ist die Anzahl der Abo-Tage entscheidend: Es waren in der vergangenen Saison 61 882 und damit 12 Prozent weniger als noch 2014/2015. Immerhin hat das Theater Ulm einen finanziellen Überschuss erwirtschaftet: 258 000 Euro, vor allem dank „Rock of Ages“, einer Produktion, für die Mäzen Walter Feucht freilich heftig mitbezahlt hat.

Keine Trendwende

Die Abo-Zahlen stimmten den Kulturausschuss dann doch nachdenklich: „Wir wollen eine Wende. So können wir nicht weitermachten“, betonte Helga Malischewski (FWG). Eine solche konnte Angela Weißhardt nicht verkünden. Ohne konkrete Zahlen nennen zu wollen, sagte die Verwaltungschefin, dass „keine Trendwende“ zu verzeichnen sei und die Abo-Zahlen in der ersten Saison des Intendanten Kay Metzger noch unter der letzten Studnitz-Saison lägen – wobei aber noch Abos verkauft würden.

Eine Theater-Debatte gab es im Kulturausschuss gestern nicht. Aber Kay Metzger, der im Publikum saß und „sehr zufrieden“ ist mit den ersten Monaten seiner Intendanz, wird mit seiner Verwaltungschefin die Lage analysieren, Lehren ziehen müssen. Dass das Theater lange von Baustellen umzingelt und schwer erreichbar war, ist nicht die einzige Ursache: Wie lässt sich das Publikum zurückerobern?

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Die Konzerte sind der Publikumsrenner

Im Schauspiel verzeichnete das Theater Ulm in der vergangenen Saison eine durchschnittliche Platzausnutzung von 68,8 Prozent (inklusive Märchen), die Oper lag gleichauf. Das Ballett erreichte im Großen Haus eine Auslastung von 73,2 Prozent. Eine Erfolgsgeschichte bleiben die Konzerte: praktisch ausverkaufte Neujahrskonzerte; auch die Philharmonischen Konzerte sind ein Publikumshit.

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