Sie saß auf Platz 381. Als unsere Zeitung vor zwei Jahren über den Austausch der Sessel im Großen Haus berichtete, war naturgemäß Renate Wagner die ideale Zeitzeugin. Sie war Theater-Abonnentin seit 1955 und selbstverständlich auch im 1969 eröffneten Theaterneubau an der Olgastraße vom ersten Tag an dabei. Sie erlebte elf Intendanten, sah nahezu jede Inszenierung – und oft schaute sie sich eine Produktion mehrmals an, auf unterschiedlichen Plätzen, aus diversen Perspektiven. Sie war aber nicht einfach nur eine theaterverrückte Zuschauerin, sie war eine Instanz. Jetzt ist Renate Wagner im Alter von 78 Jahren gestorben. Von einem Sturz beim Theaterball Mitte Februar hatte sie sich wieder erholt, „umso mehr traf uns die Nachricht von ihrem unerwarteten Tod, der auf eine Vorerkrankung zurückzuführen ist, wie uns die Familie informierte“, schreibt Johanna Kienzerle, die Vorsitzende des Vereins der Freunde des Ulmer Theaters, zu dessen Vorstand Renate Wagner gehörte.

Sie war die Seele des Hauses. Unvergesslich etwa: Als Klaus Rak, der Operndirektor der Ära Ansgar Haag, seine „Sternstunden“ moderierte, hatte Renate Wagner stets eine rote Rose für die Gäste dabei. Aber eigentlich saß sie immer im Publikum und dankte im Foyer mit einem Blumengruß. Sie kannte alle und jeden im Theater, seit 1981 organisierte sie  mit großer Herzlichkeit die „Mittwochsgespräche“, in denen sie den Mitgliedern der Theaterfreunde die Ensemblemitglieder, aber auch Mitarbeiter aus Technik und Verwaltung vorstellte.

Unbestechliches Urteil

Wer nach Namen und Anekdoten aus dem Theater suchte, musste Renate Wagner fragen, die noch Peter Zadek und Hannelore Hoger in der Wagnerschule erlebt hatte. Die resolute wie leidenschaftsvolle Theatergängerin hatte immer eine klare Meinung, ein liebevoll kritisches Urteil parat. Als Intendant Kay Metzger vergangenes Jahr in Kooperation mit den Theaterfreunden und der SÜDWEST PRESSE einen Theaterpreis ausrief, war Renate Wagner ein unbestechliches Jury-Mitglied. Die Ulmer Theaterwelt trauert – am Dienstag, 10. März, 13 Uhr, wird Renate Wagner auf dem Friedhof in Neu-Ulm beigesetzt.