Bauwerk Teilsperrung: Gänstorbrücke völlig marode

Ulm/Neu-Ulm / cmy 29.06.2018
Rostschäden an der Gänstorbrücke: Eilig verfügen Ulm/Neu-Ulm die Sperrung zweier Spuren. Droht nun der Verkehrskollaps?

Krisenstimmung bei beiden Stadtverwaltungen: In einer kurzfristig anberaumten Pressekonferenz teilten Ulms Baubürgermeister Tim von Winning und Neu-Ulms stellvertretender OB Reinhard Junginger am Donnerstag mit: Wegen starker Korrosionsschäden muss die Gänstorbrücke – wichtige Verbindung zwischen beiden Städten – sofort teilweise gesperrt werden. Mit der Reduzierung auf nur noch eine Fahrspur pro Richtung soll die Brücke so stark entlastet werden, dass sie wenigstens noch eine Zeitlang tragfähig bleibt. Die Gefahr eines Einsturzes bestehe zwar nicht, so von Winning: Bei Überbeanspruchung drohe aber ein langsames Nachgeben des Stahls und somit ein Absinken des Brückenkörpers – was die Totalsperrung zur Folge hätte. Bereits am Abend rückten Mitarbeiter des Bauhofs an und sperrten zwei Fahrspuren ab.

Umfahrung empfohlen

„Das trifft uns völlig unvorbereitet“, sagte von Winning, der keinen Hehl daraus machte, dass die Sperrung angesichts der vielen Baustellen in Ulm und der daraus resultierenden Dauerstaus zur Unzeit komme. Auf der Brücke sind pro Tag knapp 20.000 Fahrzeuge unterwegs. Infolge der Einspurigkeit dürfte nun zumindest zu Stoßzeiten der Verkehrskollaps drohen. Ortskundige sind deshalb dazu aufgerufen, die Brücke zu meiden und nach Möglichkeit weiträumig zu umfahren.

Rostschäden am Stahl

Die Rostschäden am so genannten Spannstahl waren vergangene Woche bei einer detaillierten Bauwerksuntersuchung zutage getreten. Mit bloßem Auge sind sie nicht sichtbar, dazu musste der Beton stellenweise aufgebohrt werden. Nach eilends durchgeführten statischen Berechnungen stehe nun fest: Die Brücke genügt nicht mehr den gesetzlichen Sicherheitsstandards.

Einhelliges Verneinen gab es auf die Frage, ob die Städte  in punkto Sicherheit etwas verschlafen haben. Alle drei Jahre finde eine obligatorische Hauptuntersuchung statt. Bei der bis dato letzten, 2016, habe die 68 Jahre alte Brücke die  Note 3,0 bekommen – keine Top-Zensur, aber tragbar. „Wir haben nichts verpennt“, sagte Junginger. Auf Nachfrage räumten die Verantwortlichen allerdings ein, dass bei den routinemäßigen Hauptuntersuchungen kein Beton aufgebohrt wird, also kein Blick ins Innere stattfindet. Schon in den 80er Jahren sei die Brücke aufwendig saniert worden, nachdem in Hauptträgern Risse festgestellt worden waren. Auch aufgrund dieser Erfahrungen habe man 2017 eine weitere detaillierte Untersuchung veranlasst – die nun stattfand.

Über das zeitliche Ausmaß der zunächst unbefristet geltenden Sperrung konnten Vertreter beider Städte zunächst keine Angaben machen. Was im Klartext heißt: Es dürfte länger dauern. Man prüfe, ob und wie die Gänstorbrücke verstärkt werden könne, sagte von Winning. Erfahrungsgemäß seien Spannbetonbrücken allerdings „eher schwierig zu sanieren“, so der Baubürgermeister. Das bedeutet, dass ein Abriss und Neubau nicht unwahrscheinlich sind. Auf die Städte, die jeweils hälftig für den Brückenunterhalt zuständig sind, kämen dann Gesamtkosten in Höhe von 15 bis 20 Millionen Euro zu, sagte ein Mitarbeiter der Ulmer Hauptabteilung Verkehrsplanung und Straßenbau.

Die über die württembergisch-bayerische Landesgrenze führende Gänstorbrücke wurde 1950 gebaut und ist eine der ersten nach dem Zweiten Weltkrieg in Deutschland errichteten Spannbetonbrücken. Das insgesamt 96 Meter lange und 18 Meter  breite Bauwerk hat vier Fahrspuren und beidseits je 3 Meter breite Gehwege.

Am Schwörwochenende stehen bei Lichterserenade und Nabada stets bis zu tausend Zuschauer auf der Brücke. Das dürfen sie auch in diesem Jahr, sagte von Winning. „Ihr Gewicht wiegt längst nicht so schwer wie das von Autos und Lastwagen.“

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