«Erst müssen wir ihn betäuben, dann den Plüschbauch öffnen.» Die «Teddyärztin», eine Medizinstudentin aus dem vierten Semester, betrachtet gemeinsam mit dem besorgten Simon die Röntgenaufnahme seines Kuscheltiers namens Sorgenfresser. Der hat heute statt Sorgen ausnahmsweise große Kieselsteine gefressen. Simon hat die Steine zuvor schon ertastet und berichtet, dass Sorgenfresser große Schmerzen habe. «Wir gehen jetzt in den OP», erklärt die Studentin und führt den Fünfjährigen vom Röntgenzimmerchen zur nächsten Station im Kornhaus der Ulmer Altstadt. In dem ehemaligen Kornspeicher gibt es auch in diesem Jahr an wenigen Tagen eine sogenannte Teddyklinik.

Auf spielerische Weise wollen Medizinstudenten den Kindern die Angst vor den vermeintlichen Bösewichten in Weiß nehmen. Dazu sind wichtige Stationen eines Krankenhauses aufgebaut: Anmeldung, Behandlungszimmer, Röntgen, Labor, Apotheke. Vormittags lassen die angemeldeten Kindergartenkinder ihre plüschigen Patienten verbinden, operieren und impfen. Nachmittags darf jedes Kind aus Ulm sein krankes Tier in die Sprechstunde bringen.

Während Simon bereits fleißig operiert und die Steine durch einen Reißverschluss aus seinem Stofffreund herausholt, wird beim Röntgen schon die nächste Diagnose gestellt. «Die Mädchen haben den Teddy rumgeschmissen», schimpft Milo und zeigt den abgerissenen Mond seines Schlafkuscheltieres. Medizinstudentin Sophie Reutter hilft dem Achtjährigen, den grünen Operationskittel anzuziehen. «Deine Hände sind sicher ein bisschen schmutzig, und das wäre ganz gefährlich im OP», erklärt sie. «Deswegen brauchen wir auch Handschuhe.»

Die medizinische Fachschaft der Universität Ulm hat die bunte Klinik aufgebaut. Mehr als 100 «Teddyärzte», vornehmlich aus dem ersten und zweiten Studienjahr, betreuen knapp 600 Kinder. «Wir sagen niemals, dass wir heilen», betont Felix Kielgast, einer der Organisatoren und selbst bereits im Abschlusssemester. Denn schwierig werde es etwa, wenn das Kuscheltier Krebs hat. Da möglicherweise das Kind selbst oder ein Familienangehöriger erkrankt sein könnte, müsse man vorsichtig sein mit Versprechungen. Mut machen, Hoffnung geben - mehr aber nicht. «Immer auf Augenhöhe mit den Kindern sprechen, sie ernst nehmen, freundlich sein.» Das sind laut Kielgast die drei wichtigsten Prinzipien, nach denen die angehenden Mediziner sich richten.

«Fieber, Übelkeit und gebrochene Knochen sind am häufigsten», berichtet Katharina Osswald aus dem Organisationsteam. Milos Bär und sein verloren gegangener Mond sind etwas Besonderes. «Den hab ich seit meiner Geburt», sagt Milo strahlend. «Ihm gefällt's hier.» Konzentriert verbindet der Kleine seinen Patienten und gibt ihm anschließend eine Spritze. «Manchmal ist es toll beim Arzt, und manchmal tut's schon ein bisschen weh», erzählt er.

«Es gilt, das Positive und vielleicht auch Schöne zu betonen, zum Beispiel die Belohnung aus der Schatzkiste», erklärt Frank Guderian, Kinder- und Jugendpsychiater sowie Oberarzt im Josefinum-Klinikum in Kempten. «So ein Arztbesuch kann ja auch unglaublich spannend sein.» Eltern sollten den Kindern genau erklären, was auf sie zu kommt und dem Arzt keinesfalls angstmachende Namen wie «Aua-Mann» geben. Das komme bislang viel zu häufig vor.

Katharina Osswald vom Organisationsteam in Ulm berichtet, dass die kleinen Besucher sehr unterschiedlich reagieren auf den Ablauf in der Teddyklinik. Manche sagen nicht mal ihren Namen, andere wollen die gesamte Palette an Untersuchungen durchmachen. Das liege meistens an der «genetischen Belastung», sagt Jugendpsychiater Guderian. Sind Eltern ängstlich und überbehütend, fürchten die Kinder auch eher den Besuch beim «weißen Mann».

Zuletzt holt der kleine Milo in der Apotheke die Medikamente für seinen Teddy. «Smarticyllin» ist ein hochpotentes Allround-Schmerzmittel - genau das Richtige nach der Operation seines Schützlings. «Aber nicht alle auf einmal nehmen», betont der Apotheker, ein Student im Abschlusssemester. Die bunten mit Zucker umhüllten Schokolinsen sind Belohnung aber auch Hinweis auf den vorsichtigen Umgang mit Tabletten - und mit Süßigkeiten.