Shanin Kanik hat etwas geschafft, das sich wahrscheinlich wenige Tätowierer trauen. Sie hat sich das Tätowieren selbst beigebracht. Nicht an Kunsthaut oder Schweinehälften – „Porky“ genannt – sondern an beiden Oberschenkeln. „Ich wollte meine ersten Übungsversuche keinem anderen Menschen zumuten ... so kam nur mein eigener Körper in Frage.“

Aus Shanin Kanik wird „Evil Kaneedle“

Shanin hat immer gewusst, dass sie Tattoos liebt. Dass sie aber einmal Tätowiererin werden würde, zeichnete sich erst viel später ab. Den ersten Entwurf zeichnete sie mit 16, um ihn dann bis zum 18. Lebensjahr im Portemonnaie aufzubewahren: „ein asiatischer Tribal-Drache“. Ihrem Vater musste sie versprechen, mit der Körperkunst bis zur Volljährigkeit zu warten. „Mein bester Freund machte eine Ausbildung zum Tätowierer. Überzeugt davon, dass in mir Talente schlummern, überredete er mich, es doch auch einmal zu versuchen.“ Nach 13 Jahren im Grafikdesign ging es dann ab nach Berlin, „um in einem Shop den Tätowierern über die Schulter zu schauen und eigene Designs zu entwerfen.“ Der Liebe halber landete Shanin bald im Ruhrpott, um enttäuscht feststellen zu müssen, „dort nicht wirklich etwas über das Tätowieren zu lernen“. Stattdessen sollte sie Kundenberatungsgespräche führen und Schmuck verkaufen. Die Beziehung ging in die Brüche, ihr Partner hatte sie mehrfach betrogen. Als sie ihn zur Rede stellte, versetzte er ihr einen Schlag. „Ich holte aus, dann ging er k.o.“ Im Muay-Thai hatte Shanin zu diesem Zeitpunkt bereits fünf Mal bei Wettkämpfen erfolgreich im Ring gestanden. Beziehung zu Ende, kein Job, keine Perspektive. Shanin kaufte sich von ihrem Ersparten drei Tätowiermaschinen und heuerte bei einem Tätowiermaschinenbauer an, den sie auf einer Messe kennengelernt hatte. „Ich bin handwerklich nicht unbegabt. Das brachte mich über die Runden und verhalf mir zu einem tieferen Verständnis über das Tätowierhandwerk.“ Tagsüber schrauben, abends stechen! Nach Feierabend setzte sie dann Stück für Stück das Gelernte am eigenen Körper um. Anker und Symbole, ein „Ätsch Bätsch“ und eine Schwalbe zieren seither ihren Körper. „Am Anfang war ich zittrig, konnte mich kaum dazu überwinden, die Nadel anzusetzen.“
Das erste Studio eröffnete „Evil Kaneedle“ vor neun Jahren in Vöhringen. 25 Quadratmeter. Dann zog sie im selben Gebäude mehrfach um, zuletzt in ein viermal so großes Studio. Der Umzug in das Ulmer Gebäude in der Frauenstraße folgte 2020.

Zu Gast im Tattoo-Atelier

Heute will ich bei einer Tattoo-Session dabei sein. Das Motiv: Ein Oktopus mit Kochmütze, Schneebesen und Hackmesser. Auftragsarbeit für einen Ulmer Koch. Die Inzidenz durchkreuzt unser Vorhaben. Immerhin kann ich einen Blick in Shanins Tattoo-Atelier werfen. Als würde man eine Paralellwelt betreten: „Der Schmerz kennt keine Indianer,“ prangt da in auffälligen Lettern an der inneren gläsernen Fassade. Ein Flügel mit einem riesigen Hirschschädel, surreal mittig auf der Klaviatur platziert. Eine Lampe aus verschiedenen kleineren Geweihen, hübsch mit Blattgold arrangiert, verbreitet schummriges Licht. Im hinteren Bereich die Tätowier-Liege, die vorerst nicht zum Einsatz kommen wird. Shanin steckt inmitten einer Auftragsarbeit. Sie versteht sich auch in der Skulpturbildnerei. Spachtel und Farbeimer, Lacke und Spraydosen reihen sich auf der massiven Werkbank auf. Im Fokus: ein mannshoher, massiver Ulmer Spatz. Kaneedle ist dabei, den Spatz mit einer Batman-Maske zu schmücken. Um an den Vogel-Koloss ranzukommen, steht sie auf einem Plastikhocker. Ein halbes Jahr hatte sie sich auf die Eröffnung ihres Studios vorbereitet. Nächte damit zugebracht, Wände zu bemalen, Türen anzubringen, persönliche Schätze der Tättowierkunst in Nischen und Winkeln zu platzieren. Es ist ein Tattoo-Atelier geworden, das den Betrachter in bunte und verrückte Details abschweifen lässt. „Manche schlafen bei längeren Sessions ein.“ Kaneedle lacht, wirkt stolz und verlegen zugleich. „Ich muss wohl zärtlich sein.“

Keine Arbeit zu schwierig, kein Projekt zu nervenaufreibend, als dass Shanin nicht den Sprung nach vorne wagen würde. Ihr Stil: filigran, verspielt, comicartig, mal mit Asia-Elementen, Old School oder New School, verschnörkelt. „Ich lege mich nicht fest. Einige wünschen sich, dass ich immer beim gleichen Stil bleibe, aber ich entwickle mich eben weiter.“ So auch, als Ulm vom ersten Lockdown überrascht wurde und Tätowierer schließen mussten. „Zwei Wochen nach meiner Neueröffnung!“ Evil Kaneedle packte das Schicksal am Kragen und brachte ein eigenes Fashion-Label heraus. Freche, teils provokante Sprüche („Fu** you if you can“) und der ihr eigene Tattoo-Style zieren Bikinis, Shirts und Hoodies. Manche haben Ulm-Bezug: „I love my Hood – Ulm-Ost since 1982“ steht zum Beispiel auf einem Hoodie, in Anspielung auf ihr Geburtsjahr. Alles entstand im Lockdown innerhalb weniger Monate. Wie sie das geschafft hat? Shanin lächelt, zuckt mit den Schultern: „Ich hab es einfach gemacht!“
Frizz

Shanin Kaniks Kreativregister


Bauchfleisch das neue ­Klamottenlabel, unter anderem mit Shirts, Hoodies, Yoga­leggings und Bauchtaschen – mit frechen Sprüchen und Kaneedles ­Grafik- und ­Tattoodesigns: bauchfleisch.com, ­Instagram: bauchfleisch_clothing
Im Szene-Biergarten „Liederkranz“ entsteht derzeit eine Graffiti-Installation. Pächter Daniel Bürger plant in der kommenden Saison einen Zusammenschluss mit vielen Künstlern aus der Region.
Bock drauf, mal wieder zu tanzen? Dem Lockdown-Kater hat Shanin aka Disko Fox Electro, House und Drum ‘n‘ Bass-Sets entgegenzusetzen:
soundcloud.com/DiskoFox

Infos


Evil Kaneedle Tattoostudio
Frauenstraße 87 | 89073 Ulm
E-Mail: aua@evil-kaneedle.de
Instagram: evilkaneedletattoo