Tarifkonflikt Tarifstreit: Ärger um Kita-Spaziergang

Ulm / Christoph Mayer 14.03.2018

Als „Stadtspaziergang“ ist eine Aktion von Erzieherinnen heute zwischen 10 und 11 Uhr tituliert. Unter dem Motto „Wir bringen Bewegung in die Tarifverhandlungen“ wollen Kindergärtnerinnen der 32 städtischen Ulmer Einrichtungen im Umkreis ihrer Kindertagesstätten einen „Verdi-Spaziergang“ unternehmen, wie es in einem Aufruf heißt, der in zahlreichen Kitas  aushängt. „Ausgestattet mit Mützen, Westen, Trillerpfeifen, Fähnchen, Luftballons und Tarifinfos“ will man so den Forderungen nach besserer Bezahlung Ausdruck verleihen.

Mit Rasseln unterwegs

Begleitet werden die Demon­strantinnen von den jeweiligen Kindergartenkindern – die man für die Dauer des Protestmarsches nicht unbeaufsichtigt lassen kann. „Einzelne Kitas können vielleicht durch Einkaufszonen oder belebte Plätze laufen“, heißt es in dem Aufruf. Das helfe womöglich, noch mehr Aufmerksamkeit zu erzielen. „Wer möchte, kann sich mit Rasseln zusätzlich Gehör verschaffen oder eigene Ideen umsetzen.“

Die – zumindest indirekte – Einbeziehung kleiner Kinder in eine politische Veranstaltung gefällt nicht allen Eltern. „Bei uns laufen die Telefone heiß“, sagt Nadja Thoms. Die Vorsitzende des Ulmer Gesamtelternbeirats für Kitas und Horte  macht selbst keinen Hehl daraus, dass sie die Aktion für  deplatziert hält. Insbesondere deshalb, weil Eltern vorab nur unzureichend informiert worden geschweige denn um ihr Einverständnis gebeten worden seien.

Demonstrativ hinter die Aktion stellt sich indes Doris Fuchs. Die Teamleiterin „Kitas“ der Stadt Ulm spricht von einer „guten Idee“. Die überdies nicht von der Gewerkschaft Verdi, sondern von den Mitarbeiterinnen erdacht worden sei. „Die Kitas haben sich überlegt, was sie tun können, ohne Eltern durch eine Schließung ihrer Einrichtung zu belasten.“ Von einer Kundgebung im engeren Sinne könne ohnehin nicht die Rede sein. „Es gibt keine zentrale Veranstaltung, und es ist offen, wie viele Kitas mitmachen. Ein Zwang, spazieren zu gehen, besteht nicht.“

Gleichwohl hat die Stadt gestern auf die Kritik reagiert. Ob die Androhung des Gesamtelternbeirats, eine einstweilige Verfügung gegen die Aktion zu erlassen, ausschlaggebend war, ist offen. In einer an alle Kindertageseinrichtungen verschickten E-Mail wurden die Leiterinnen aufgefordert, „das Gespräch mit den Eltern zu suchen“. Es dürfe kein Kind gegen den Willen der Eltern zur Teilnahme gezwungen werden und es müssten in jedem Fall Einzellösungen gefunden werden. Soll heißen: Sofern ein oder mehrere Kinder nicht mitlaufen, müssen sie in ihren jeweiligen Einrichtungen betreut werden.

„Schade, dass es wegen dieser Aktion nun Ärger gibt“, bedauert Fuchs, die Defizite in der Informationspolitik einräumt. Die Ankündigung für die „Spaziergänge“ sei am 2. März an alle Kindertagesstätten herausgegangen. Offenbar hätten sich aber nicht alle Einrichtungen daran gehalten, sogleich die Eltern zu informieren. Dass viele erst über die Zeitung von der Aktion erfahren hätten, sei bedauerlich. „Das ist unglücklich gelaufen.“

Unparteiisch ist die städtische Teamleiterin in der Angelegenheit nicht. Wie den Aushängen zu entnehmen ist, „könnt ihr im Büro von Doris Fuchs in der Zeitblomstraße die notwendigen Materialien  abholen“.  Mit „ihr“ sind die Kindergärtnerinnen gemeint, mit „Materialien“ die bei der Demo verwendeten Fähnchen, Westen und Ähnliches.

Bildung und Betreuung

Auch wenn man selbst nicht zu den Spaziergängen aufgerufen habe, nennt Verdi-Geschäftsführerin Maria Winkler die Aktion „sympathisch. Das ist besser und  vor allem niederschwelliger als Warnstreiks.“ Sie gehe nicht davon aus, dass die Kindergartenkinder aktiv in die Kundgebung miteinbezogen würden. Andererseits könne man den Nachwuchs auch nicht komplett aus gesellschaftspolitischen Entwicklungen heraushalten. „Kindergarten ist nicht nur Betreuung, sondern auch Bildung. Und damit hat ein Tarifkonflikt schon auch zu tun.“

Nur jede dritte Kita in Ulm ist städtisch

Einrichtungen In Ulm gibt es 93 Kindertagesstätten. 32 sind in städtischer Trägerschaft. 25 Einrichtungen betreibt die katholische Kirche, 17 die evangelische. 19 Kindergärten sind in freier Trägerschaft, werden etwa von Elterninitiativen oder Vereinen betrieben. Insgesamt gibt es in Ulm 4660 Krippen- und Kitaplätze für Kinder im Alter von null bis sechs Jahren.

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