Ulm Tango: Führungsaufgabe der besonderen Art

Ulm / VERENA SCHÜHLY 03.11.2012
Tango Argentino ist mehr als ein Tanz. Er ist eine Entdeckungsreise der Tanzpartner zu sich selbst - für Männer und Frauen. Archaische Rollenbilder, Gleichgewicht und subtile Regeln sind dabei wichtig.

Tango Argentino klingt mondän. Nach Wehmut, Leidenschaft, Sehnsucht, Erotik - nach Ferne. Doch der Tango ist auch in Ulm lebendig. Regelmäßig treffen sich Frauen und Männer, um in enger Umarmung zu den melancholischen Melodien ihre Beine spielen zu lassen. "Tangotanzen ist wie ein gutes Gespräch zwischen zwei Menschen, die sich auf innige Weise begegnen. Sie sprechen mit ihren Körpern." So erklären Elias und Margit Monrose die Faszination. Beide leben in Ulm und unterrichten Tango.

Elias Monrose ist der Mann, der den Tango nach Ulm gebracht hat. Geboren 1955 in Martinique in der Karibik, kam er 1982 nach Deutschland. Er arbeitete als Regieassistent in Stuttgart und studierte nebenher Kunst und Eurythmie. Letzteres ist anthroposophische Tanzkunst, die Laut- und Körpersprache verbindet. Getanzt hat er schon immer: Ballett, Jazztanz, Salsa und Merengue. Doch erst in Stuttgart lernte er den Tango kennen und fing Feuer. Seit 1993 gibt er selbst Kurse. Auch in Ulm, wo er 1996 an der Waldorfschule anfing und Eurythmie-Lehrer ist.

Tango Argentino ist anders als Standard-Tänze: Es gibt keine festen Figurfolgen. Stattdessen sind die Schritte frei kombinierbar, das macht die Sache spannend und schwierig zugleich. Elias Monrose erklärt es seinen Schülern mit einem Bild: "Ich zeige euch die Steine - aber was für ein Haus ihr daraus baut, ist eure Sache."

Die größte Schwierigkeit besteht für Anfänger darin, dass beim Tango die Rollen klar verteilt sind: Der Mann führt, die Frau folgt. Ohne jede Diskussion. Dieser Rückfall in archaische Rollenmuster ist für beide Tanzpartner eine Herausforderung. Für den Mann bedeutet es: Er muss klar entscheiden. Elias Monrose weiß, wie schwer sich die Männer damit tun: "Die Deutschen sind sehr reserviert. Für sie ist es schon ungewohnt, eine Frau so nah im Arm zu haben." Dazu kommt, dass viele gern technische Details als Erklärungen hätten: Wie viel Grad muss ich die Frau drehen? Was muss ich genau tun, wenn . . .? "Sie sind so steif und trauen sich nicht, ihrem Gefühl zu folgen."

So dauert es meist einige Zeit, bis die Männer den Rat des Lehrers verstehen: "Es geht nicht ohne den Kopf, aber es braucht auch das Herz - und es muss Energie im Körper fließen, in die Tiefe." Und dann gibt es ja noch die Musik, zu der Schritte und Figuren passen sollen. Monrose möchte seinen Schülern Lust am Improvisieren vermitteln, am Spielen mit den Tango-Bausteinen.

Die klare Führungsrolle des Mannes bedeutet für die Frau: Sie darf selbst keinen Plan haben, sondern muss loslassen und abwarten, welche Impulse vom Partner kommen, um ihnen zu folgen. Margit Monrose, Elias Frau und Tanzpartnerin, beschreibt den Damen-Part: "Die Frauen müssen sich öffnen. Deshalb ist das Gefühl entscheidender als die Technik." Die 46-Jährige macht aber klar, dass es nicht um Unterordnung geht, "auch die Frau muss ihr Repertoire beherrschen". Und sie hat die Freiheit, die Impulse selbst auszugestalten. "So harmonisiert sich das Paar."

Elias und Margit Monrose haben sich vor neun Jahren beim Tango kennen gelernt. "Ich war aber nie seine Schülerin", bemerkt die gebürtige Pfälzerin. Für sie sind wichtige Eigenschaften eines guten Tänzers, dass er "entschieden ist und in seiner Sicherheit die Frau mitnimmt. Und dass er so sensibel ist, um nicht nur seine Schritte durchzuziehen."

Zur Frauen-Rolle sagt sie: "Im Alltag wird von Frauen oft dasselbe verlangt wie von Männern, da verwischen die Unterschiede. Tango ist ein Gegenpol: Da können Frauen wieder ganz Frau sein und das genießen." Überdies sind Frauen, die gut in ihrer eigenen Achse stehen, "nicht leicht aus dem Gleichgewicht zu bringen - beim Tango wie im wirklichen Leben".

Wenn ein Paar seine Harmonie findet, ist das für Margit Monrose "ein Glücksmoment" - unabhängig davon, auf welchem Niveau die Partner tanzen.

Die Monroses vermitteln, dass Tango mehr ist als nur ein Tanz: "Er ist vielschichtiger." Es geht um Selbstwahrnehmung, Bewegung, Gleichgewicht, eine eigenständige Musikrichtung und Dichtung. "Nicht umsonst ist der Tango seit 2009 Unesco-Weltkulturerbe", erklärt Elias Monrose.

Er mag "das Soziale" am Tango: "Mann und Frau tanzen zusammen - für sich und nicht, um andere zu beeindrucken". Männer, die Ambitionen zu möglichst artistischen Figuren haben, gibt er mit auf den Weg: "Beim Tango macht der Mann, dass die Frau schön aussieht."

Wer anfängt, Tango Argentino zu tanzen, lässt sich auf neue Spielregeln ein. Zum Beispiel beim Auffordern, das subtil abläuft: Wer mit wem tanzt, wird vorher über Blicke ausgemacht. "Wer tanzen will, muss sich sichtbar machen", erklärt Margit Monrose. Auch das ist eine Herausforderung. Wer sich nicht traut und nicht die Blicke schweifen lässt, bleibt sitzen.

Das Betreten der Tango-Welt ähnelt einer Reise in ein fernes Land, ohne dass man Koffer packen muss. Tanzschuhe reichen als Gepäck.

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