Denkmal Tag des offenen Denkmals mobilisiert Massen

JAKOB RESCH 12.09.2016
Der Tag des offenen Denkmals brachte am Sonntag mal wieder Tausende auf die Beine. In Ulm standen zehn Objekte offen. <em>Mit einem Kommentar von Jakob Resch, sowie einer Bildergalerie</em>

Schon um 10 Uhr wuselte es am Sonntag wie in einem Bienenstock im Haus Büchsengasse 12 – eines von zehn Objekten, das zum Tag des offenen Denkmals geöffnet hatte. Und ein ganz besonderes Objekt, das, knapp dem Einsturz entronnen, seit einem Jahr aufwändig saniert wird. Eine abgebrochene Fachwerkwand hing 30 Zentimeter schief im Raum. Nun ist sie wieder ausgerichtet.

Zimmerermeister René Walter aus Söflingen und Bernd Molde, der die Maurer- und Putzarbeiten erledigt, führten vom Keller bis unters Dach durch das total verschachtelte Gebäude aus drei verschiedenen Bauphasen, datiert auf 1410 im hinteren, auf 1620 im vorderen Teil. Dort im Erdgeschoss hat womöglich ein Alchemist gearbeitet, erläuterte Walter, „darauf deutet eine Handwerksküche hin“, Ofen und Brunnenabgang. Vis-à-vis dürfte der Verkaufsraum gelegen haben. „Das könnte im Zusammenhang mit dem Büchsenstadel stehen“, wenige Meter die Straße hoch, „kurz vor dem 30-jährigen Krieg gab es Bedarf an Munition“.

Der intakte Brunnen, „von dem man nichts mehr wusste“, wie Walter sagt, ist sechs Meter tief gemauert. „Drunten steht das Grundwasser“, stellt Besucher Martin Küfer fest. Als erfahrener Denkmalgänger hat er eine Taschenlampe dabei. „Brunnen interessieren mich.“ Küfer leitet den Gesundheitsdienst im Landkreis Neu-Ulm und konzentriert sich auf Frisch- und Abwasserfragen.

Nach und nach kamen Anbauten in der Büchsengasse hinzu, so steckt das Haus für Molde voller Geschichte: „Da ist gestorben und gelebt worden hier drin, von hunderten, vielleicht tausenden Leuten.“ Bald wird wieder gewohnt, auf Originalfußböden aus Backsteinziegeln, mit rekonstruierten Stuckdecken und Anstrich aus Malachit, der einst den „Grünen Saal“ ausmachte. Die Vorfahren wussten hier im ersten Stock zu wohnen. Walter: „Die Räume waren alle offen zum Repräsentieren, ja, zum Protzen.“ Man wohnt übrigens unter Fichten- und Tannenhölzern aus dem Allgäu, Flößermarken im Fachwerk deuten auf die Illerfahrt hin.

Im zum Himmel offenen Innenhof steht derweil eine alte Mistel. Sie bleibt. Walter und Molde müssen da jetzt einfach drumrumwerken.

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Ein Kommentar von Jakob Resch: Lebendige Vergangenheit

Dekan Ernst-Wilhelm Gohl war Sonntagmittag unterwegs, um gute Stimmung zu machen. War was schiefgelaufen im Gottesdienst? Iwo! Doch die Schlange der Menschen, die für Karten für die diversen Münsterführungen anstanden, war mal wieder derart lang, dass sich hätte Ungeduld breitmachen können.

So ist das am Tag des offenen Denkmals, an dem das Münster wieder neben neun anderen Ulmer Objekten die Türen zu sonst für die Öffentlichkeit abgesperrten Räumen geöffnet hat. Der Ansturm setzte sich bis unters riesige Dach des Salzstadels und in den engen Keller in der Büchsengasse 12 fort. So trafen sich die Ulmer am Wochenende nicht nur auf den vielen Festle zum Feiern, sondern auch aus Interesse an ihrer Geschichte.

Das dokumentierte auch die Tagung der Stadtbibliothek über den Ulmer Dominikanerbruder Felix Fabri, der nun auch schon wieder 514 Jahre tot ist, und sein Werk. Olle Klamotten, verstaubter Stoff? Von wegen. Bibliothekar Alexander Rosenstock angesichts der Besucherkulisse: „Das übersteigt voll und ganz unsere Erwartungen.“

Es ist nicht zuletzt diese geteilte Neugier, für die im Haus „Engländer“ am Weinhof auch Neues zum größten Ulmer Albert Einstein bereitgehalten wurde, die die Stadt auf ein starkes gemeinschaftliches Fundament stellt. Heimatliebe schafft Zukunft. „Gemeinsam Denkmale erhalten“, so hieß das Motto des diesjährigen Denkmaltags. Man könnte diesen Satz auch umdrehen: Denkmale erhalten Gemeinsamkeit.