Stau Szenen aus der Staustadt Ulm

Noch enger als sonst ist es zwischen Bahnhof und Hauptpost geworden. Doch es bleibt der Platz für Kommende vom und Gehende zum Bahnhof.
Noch enger als sonst ist es zwischen Bahnhof und Hauptpost geworden. Doch es bleibt der Platz für Kommende vom und Gehende zum Bahnhof. © Foto: Sünne Oloff
HANS-ULI THIERER 14.09.2016
Tag zwei nach Schulbeginn: In und um Ulm herum herrscht morgens wegen der Baustellen reichlich Verkehrschaos. Beobachtungen und Reaktionen.

Gemessen zum Beispiel an den Verkehrsverhältnissen in Stuttgart ist das, was sich da  am Dienstag, dem zweiten Tag nach dem Ende der großen Ferien, morgens im Raum Ulm abspielt vermutlich immer noch harmlos bis gemäßigt. Für Ulmer Gefühlslagen aber herrscht Chaos.

Staumeldungen Es ist halb neun. Der große Schulverkehr vorbei. Nicht vorüber sind die Verkehrsbehinderungen. Der Staumelder auf Google Maps zeigt auf der Farbskala Dunkelrot (Stau), Rot (Stop and go) und Orange (zähfließend) stehenden bis Stop-and-Go-Verkehr in Ulm und Umgebung an: auf der B 311, vom Autobahnkreuz Hittistetten her, in der Zinglerstraße.  Beobachtet wird auch, dass sich der Verkehr von Illerkirchberg nach Wiblingen, der Ausweichroute vom Illertal her, nur zäh vorwärts bewegt.

Bahnhofsbereich Szenen- und Zeitwechsel: Um halb zwei herrscht wie immer  Kommen und Gehen im nördlichen Bahnhofsbereich  vor der Hauptpost. Dort haben am Montag die Bauarbeiten für eine Buswendeschleife begonnen. Das hat 23 Kurzzeitparkplätze gekostet. Die Zufahrt zu den Parkplätzen im Norden hinter der Post  ist aber weiter möglich. Schon am zweiten Tag der Bauarbeiten wird deutlich:  Obwohl Baustelle, bleibt dieser Bereich der Platz, zu dem Menschen gebracht werden, die auf den Zug wollen, und diejenigen abgeholt werden, die von der Bahn kommen.

Und Drehscheibe der Mitfahrzentrale: Lilly, 22, Studentin aus und in Ulm, die für einige Tage nach Berlin möchte, wartet auf ihren Abholer. Vergeblich. Um dreiviertel zwei entschließt sich die junge Frau, den Zug zu nehmen. Der ICE 596 rollt pünktlich ein und fährt fahrplanmäßig um 13.51 ab. Ob Lillys Fahrer an den Baustellen gescheitert ist, bleibt ungeklärt.

Mehr Glück hat Nicolas, 23, aus Neu-Ulm. Auch Student, in Dresden. „Bin wegen der Baustellen extra früher gekommen.“ Doch sein über die Mitfahrzentrale vermittelter Fahrer trifft überpünktlich ein. Kurz vor 14 Uhr steigen Nicolas und zwei weitere Mitfahrer, eine junge Frau und ein junger Mann,  in den Mazda 6 mit polnischem Kennzeichen. Derweil verfranst sich ein Neu-Ulmer Taxifahrer. Er will an der Ausfahrt auf die Friedrich-Ebert-Straße auf die linke Spur. Ein Bauarbeiter weist mit ausladender Geste den Weg: Rechts rum!  Bei allem Baustellen-Trubel: So ging es am Come-and-go-Platz vorm Bahnhof eigentlich immer zu.

Bürgermeisters Sicht Montagabend im schicken Gemeindehaus der Martin-Luther-Kirche. Auf dem SPD-Sommerempfang  steuert Baubürgermeister Tim von Winning als Grußwortredner ohne Umschweife auf das Thema zu, um das an diesem heißen Abend alle hitzigen Gespräche kreisen: Muss das alles auf einmal sein? Es geht nicht anders, sagt von Winning. Denn: Die Sedelhölfe haben Verspätung, an ihnen hängt der Tiefgaragenbau. Und die Straßenbahnlinie 2 muss wegen der Zuschussmaßgaben bis 2019 fertig sein. „Ein Vergnügen ist das alles nicht.“ Der Bürgermeister geht auf die politisch heiß diskutierte Frage ein, wie viele Spuren die Friedrich-Ebert-Straße später braucht. Zwei oder vier? Untauglich zum ideologischen Streit, sagt von Winning. „Mit zwei Spuren wird die Erreichbarkeit der Innenstadt nicht abgeschafft. Ebenso würden vier Spuren den Bahnhofsplatz nicht übermäßig mit Verkehr belasten.“

CDU-Fragen Die CDU-Rathausfraktion sieht das ganz anders. Am Dienstag gegen 15 Uhr untermauert sie in Gestalt ihrer Fraktionschefs Thomas Kienle, was sie unlängst vor der Presse deutlich gemacht hat  (wir berichteten):   schwere Bedenken gegen eine von der Verwaltung favorisierte Verringerung auf zwei Fahrspuren. Dazu hat Kienle ein acht Punkte umfassendes Papier mit Fragen an OB Gunter Czisch verfasst. Unter anderem will Kienle wissen, wie sich die zukünftig weiteren 1300 Parkplätze (750 in den Sedelhöfen, 550 im städtischen Parkhaus) auswirken, wie viele Fahrzeuge zwischen 8 und 10 und 16 und 18 Uhr in der Ebert-Straße fahren, mit welchen Rückstaus an den kritischen Kreuzungen Zingler-/Neue-/Ebert-Straße sowie Neutorstraße gerechnet wird. Generell: „Wir befürchten, dass durch die Reduzierung der Fahrspuren der Verkehrsfluss am Bahnhof und an den Sedelhöfen stark eingeschränkt wird.“

ADFC für zwei Spuren

Ebert-Straße  Der Allgemeine Deutsche Fahrradclub Kreisverband Ulm/Alb-Donau (ADFC) hat an die Fraktionen des Ulmer Gemeinderates einen offenen Brief geschrieben, in dem er eindringlich appelliert, in der Friedrich-Ebert-Straße für die zweispurige Lösung zu stimmen. Denn nur mit dieser zweispurigen Lösung könne auch auf der Ostseite  ein Radfahrstreifen entlang der Fahrspur in Richtung der Olgastraße angelegt werden. „Der ist dringend notwendig“, sagt Katrin Voss-Lubert, die Vorsitzende des ADFC-Kreisverbands Ulm/Alb-Donau. Bei vier Fahrspuren für den Autoverkehr bleibe für diesen Radfahrstreifen kein Platz, die Möglichkeit einer sicheren und attraktiven Radverkehrsführung auf dieser zentralen Nord-Süd-Achse durch die Innenstadt werde verspielt.