SWU SWU auf Kurswechsel: Handel und Vertrieb werden gestärkt

Ulm / HANS-ULI THIERER 13.06.2016
Kurswechsel in der lokalen Energiepolitik: Unter dem neuen Chef Klaus Eder konzentrieren sich die Stadtwerke auf den Handel mit und  Vertrieb von Strom. Und auf die Kundenpflege in der Region. <i>Mit einem Kommentar von Hans-Uli-Thierer: Neuer Mann, neue Hoffnung.</i>

Ein bisschen unwirklich war diese Situation dann doch: Am Ratstisch, an dem der Ulmer Hauptausschuss tagte,  saß der neue SWU-Chef Klaus Eder und erläuterte, warum die Stadtwerke Ulm/Neu-Ulm auch 2015 wieder dicke rote Zahlen geschrieben haben. Fast 16 Millionen Euro Miese weist  der unlängst veröffentlichte Jahresabschluss aus (wir berichteten). Erste Signale deuten zwar  darauf hin, dass die SWU zumindest das tiefste Tief hinter sich haben. Aber Geschäftsführer Eder sprach auch von einem „weiten Weg“, den das kommunale Unternehmen noch vor sich habe, um seine Finanzkrise zu meistern.

Hinten auf der Zuschauerbank hatte derweilen einsam und allein Eders Vorgänger Matthias Berz Platz genommen. Er ist 2015 vorzeitig ausgeschieden, hat aber noch die halbe Bilanz des Vorjahres zu verantworten. Berz war also bereit, Rede und Antwort zu stehen. Gefragt aber war er nicht mehr.

Auch hatte der langjährige SWU-Manager keineswegs das Büßerhemd übergestreift. Zwar sah es kurzzeitig so aus, als wolle Stadträtin Birgit Schäfer-Oelmayer (Grüne) Berz attackieren und zur Rechenschaft ziehen für einen aus ihrer Sicht zu großspurigen Energiekurs. „Holz, Gas, Wind, Wasser, Kohle – wir sind auf allen Hochzeiten getanzt.“ Sie selber und Oberbürgermeister Gunter Czisch aber bremsten ein: „Wir haben die Entscheidungen alle gemeinsam getroffen“, sagte  Czisch.

Gemeint war damit die Zeit vor Fukushima, also vor der Energiewende. Damals hatten die SWU mit dem Placet des Aufsichtsrates das ehrgeizige Ziel, möglichst viel eigenen Strom zu produzieren, um unabhängig zu werden von den Großkonzernen. So kam es zu kräftigen Finanzbeteiligungen am Wasserkraftwerk Kostheim, am Windpark in der Nordsee, vor allem aber an den konventionellen Gas- und Kohlekraftwerken in Hamm und Lünen; außerdem wagten die SWU es, in Senden eine Holzgas-(Versuchs-)Anlage zu bauen.

Hamm und Lünen wurden im Zuge der Energiewende zu Millionengräbern. Gleiches gilt für die Anlage in Senden, die nicht in die Gänge kommt und über deren komplette Schließung auf politischer Ebene mittlerweile mehr oder weniger offen spekuliert wird. Konsequenz dieser millionenschweren Investitionen, die sich als nicht rentierlich erweisen: Um die Stadtwerke vor dem finanziellen Kollaps zu bewahren, mussten die beiden Städte als Gesellschafter (Ulm 93 Prozent Anteile, Neu-Ulm 7 Prozent) bis zum Geschäftsjahr 2014  insgesamt 67 Millionen Euro an Genussrechtskapital lockermachen.

Zurück zur Sitzung des Hauptausschusses, in der deutlich wurde, dass die Ulmer Seite nun einen Schlussstrich unter die Vergangenheit zu ziehen gedenkt – soweit dies angesichts der nach wie vor anfallender Millionendefizite möglich ist. Der Hoffnungsträger für alle Rathausparteien hat einen Namen: Klaus Eder, was wiederum Zuhörer Berz schweigend zur Kenntnis nahm. Eder hatte berichtet, dass es trotz des neuerlich negativen Gesamtergebnisses von besagten 16 Millionen Euro Lichtblicke am Horizont gibt. Unterm Strich der operativen Geschäfte – also des Stromhandels und -vertriebs sowie der Geschäfte mit den Netzen und mit Telekommunikation – steht laut Eder ein Gewinn von 7 Millionen Euro. Dazu habe auch beigetragen, dass die Personalkosten geringer ausgefallen seien. Dabei ist es nicht etwa zu Entlassungen gekommen (Schäfer-Oelmayer: „Die wird es mit uns auch in Zukunft nicht geben“). Vielmehr, sagte Eder, seien im Zuge natürlicher Fluktuation Einspareffekte erzielt worden. Die SWU-Belegschaft ziehe gut mit, zeige sich flexibel und einsatzwillig.

Eder setzt auf den lokalen und regionalen Bonus seines Unternehmens, dem die Kunden trotz der negativen Schlagzeilen in der jüngeren Vergangenheit die Treue gehalten hätten. „Wir sind er lokale Treiber in der Energielandschaft, wir genießen Vertrauen.“ Auf diese Karte werde man in der Geschäftspolitik durch Verstärkung von Handel und Vertrieb setzen.

So wie die Politik auf Eder setzt. Das zeigte die Diskussion. Helga Malischewski (FWG): „Die Kunden sind nicht davon gelaufen. Wir leben also in guter Hoffnung.“ Thomas Kienle (CDU): Eder steuere den richtigen Kurs. „Die Marge liegt nicht mehr in der Stromerzeugung, sondern im Handel – auch auf dem Feld der Telekommunikation.“ Schäfer-Oelmayer an Eder gewandt: „Die Stadtwerke sind in guten Händen.“

Von Erik Wischmann (FDP) bekam die Grüne freilich zu hören, sie sei „vollkommen schief gewickelt“, wenn sie behaupte, die Energiewende sei nicht der Grund für die SWU-Krise. Wischmann: „Die Stadtwerke haben die Zeche bezahlt für eine wahnsinnige Politik der Bundesregierung.“ Am Ende der Kette bleche dafür der Strombezieher, also der Verbraucher.

Ausnahme Leipheim

Projektentwickler Gebranntes Kind scheut das Feuer: Nach erbrannten  Millioneninvestitionen werden die Stadtwerke nicht mehr groß Geld in neue eigene Kraftwerksprojekte  stecken. Eine Ausnahme bildet ein Gasturbinenkraftwerk auf dem ehemaligen Leipheimer Fliegerhorst. Nachdem klar war, dass der Atommeiler Gundremmingen 2022 endgültig vom Netz geht, begannen die SWU mit der Projektentwicklung. Das Großkraftwerk soll in Nach-Atomkraftzeiten zur Versorgungssicherheit eitragen. Inzwischen sind die SWU eine Kooperation mit Siemens-und der für die Projektentwicklung gegründeten Gaskraftwerk Leipheim GmbH eingegangen. Ulms OB Gunter Czisch: Wenigstens die von den SWU aufgewendeten Entwicklungskosten sollen sich rentieren.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Neuer Mann, neue Hoffnung

Schlussstrich: Das ist in Bezug auf die zwar verbesserte, aber immer noch kritische Lage der Stadtwerke ein geflügeltes Wort. Grad eben fiel es wieder halbdutzendfach im Ulmer Hauptausschuss. Als ob es so einfach wäre, die Vergangenheit einfach hinter sich zu lassen. Zu hoch die Millionenverluste, die auch in den kommenden Jahren noch anfallen.

Sie rühren her von einer Politik, die vor der Energiewende allen richtig erschien. Deshalb ist es nur recht und billig, wenn OB Gunter Czisch an diese Gesamtverantwortung erinnert. Der Schwarze Peter  kann nicht allein dem langjährigen SWU-Chef Matthias Berz in die Schuhe geschoben werden.

In einem Punkt trifft daher schon zu, dass ein Schlussstrich gezogen gehört: Vorbei die Zeit der Abrechnungen. Mit dem neuen Mann an der SWU-Spitze, mit Klaus Eder, ist neue Hoffnung eingezogen ins wichtigste kommunale Unternehmen. Eder hat bereits bewiesen, dass ihn sein bodenständiges Allgäuer Naturell  befähigt, der Belegschaft die Notwendigkeiten der Zeit zu vermitteln.

Dazu passt der neue Kurs der Bescheidenheit, der sich hoffentlich nicht irgendwann auch als der falsche  Weg erweist. Aus jetziger Sicht gibt es keine Alternative dazu, dass die Stadtwerke sich verabschieden vom Traum, ein autonomer Mitspieler im Konzert großer Energieversorger zu werden. Zunächst gilt es, das auch in der Krise erstaunlich feste Vertrauen der Region in die drei Buchstaben SWU  zu stärken.