Neu-Ulm Süchtiger erschleicht sich lebensgefährliche Schmerzpflaster

OLIVER HEIDER 06.06.2013
Das Amtsgericht hat einen 43-Jährigen zu elf Monaten Haft auf Bewährung verurteilt. Durch Ärztehopping hatte er sich lebensgefährliche Fentanyl-Pflaster besorgt. Im Jahr 2011 waren an dem Wirkstoff in Ulm zwei Menschen gestorben.

"Es grenzt fast an ein Wunder, dass Sie das überlebt haben." Mit diesen Worten in Richtung des Angeklagten hat Richter Thomas Mayer erklärt, wie gefährlich es ist, Fentanyl-Pflaster auszukochen und sich den gelösten Wirkstoff - oft werden dabei für den Organismus zu große Mengen freigesetzt - intravenös zu spritzen. Das hatte der 43-Jährige aus dem nördlichen Kreis Neu-Ulm gemacht. Im Jahr 2011 waren in Ulm zwei Menschen am Missbrauch des Schmerzmittels gestorben.

Das Amtsgericht verurteilte ihn, weil er sich von Ärzten in Ulm, Elchingen, Langenau und Niederstotzingen Fentanyl-Pflaster in großen Mengen verschreiben lassen hatte, ohne dass die Mediziner voneinander wussten - strafbar als unerlaubtes Erschleichen und Erwerb von Betäubungsmitteln sowie Betrug. 

Fentanyl ist ein synthetisches Opioid, das bei Krebspatienten eingesetzt wird. Der Mann aber leidet unter chronischen Rückenschmerzen. Er habe von Geburt an eine verkrümmte Wirbelsäule, erklärte er. Hinzu kamen Arbeits- und Verkehrsunfälle sowie Bandscheibenvorfälle. "Seitdem ich 15 bin, nehme ich Schmerzmittel. Ich hab alle Medikamente und Therapien durch", sagte er. Die Pflaster hätten gewirkt.

Doch aus der Schmerzbehandlung wurde eine Sucht. Um mehr zu bekommen, ließ er sich zwischen Februar 2010 und August 2011 eine Vielzahl von Pflastern in verschiedenen Größen und Dosierungen verschreiben, die er in unterschiedlichen Apotheken abholte. Insgesamt 91 Mal. Erst als die Krankenkasse nach zwei Jahren stutzig wurde, kam die Sache ans Licht. Finanzieller Schaden: mehr als 4000 Euro.

Staatsanwalt Remo Fratantonio forderte wegen der günstigen Sozialprognose - der geständige, nicht vorbestrafte Angeklagte machte einen Entzug - ein Jahr auf Bewährung. Anwalt Martin Rehfeldt hielt acht Monate für angemessen. Die Willensfreiheit seines Mandanten sei vermindert gewesen. Zudem hätten es ihm die Ärzte leicht gemacht. Sie hätten den 43-Jährigen intensiver untersuchen, die Anwendung der Pflaster kontrollieren sollen.

Das Gericht verurteilte den Mann zu elf Monaten Haft auf Bewährung. Zudem muss er 500 Euro an die Diakonie zahlen oder 50 Stunden gemeinnützige Arbeit leisten. "Sie haben eingesehen, dass es so nicht weitergeht", sagte Mayer.