Junge Leute, die noch ihren Platz im Leben suchen, scheinen besonders gefährdet, sich von radikalen Ideen vereinnahmen zu lassen. Bei einigen wenigen bleibt es dann nicht bei einer extremistischen Einstellung, sondern sie setzen diese in eine Gewalt- oder terroristische Tat um. „Was diesen Übergang bewirkt, das wissen wir nicht genau“, sagt Dr. Marc Allroggen, leitender Oberarzt der Klinik für Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm. Sein Forschungsschwerpunkt ist die forensische Psychiatrie, also die Fachrichtung, die sich mit der Psyche von Straftätern befasst.

Tatsache ist, dass manche der späteren Gewalttäter ihre Pläne vorher ankündigen – beispielsweise gegenüber Ärzten, Therapeuten, Eltern oder anderen Menschen in ihrem Umfeld. An diesem Punkt setzt das aktuelle Forschungsprojekt von Allroggen und zwei Kolleginnen an: Es trägt den Titel  „Grundlagenwissen für Heilberufe zur Identifikation von Radikalisierungsprozessen als Risiko für Taten zielgerichteter Gewalt“.

Empfehlungen formulieren

Das Team will durch die Studie Handlungsempfehlungen für Ärzte und Psychotherapeuten entwickeln, damit sie erkennen können, wie ausgeprägt die Radikalisierung ihrer Patienten ist. Und sie sollen deren Gefährdungspotenzial einschätzen können und wissen, wann es sinnvoll ist, die Sicherheitsbehörden einzuschalten. Allroggen: „Viele Ärzte und Therapeuten haben einen guten Kontakt zu ihren Patienten. Sie können Veränderungen bei ihnen wahrnehmen.“ In vielen Fällen hat es vor Taten konkrete Hinweise gegeben, beispielsweise zum Ausarbeiten von Plänen oder zum Besorgen von Waffen: „Das kommunizieren die Täter immer auch ein Stück weit nach außen.“

„Wir wollen sensibel dafür machen, wann es tatsächlich gefährlich wird“, erläutert Allroggen. Das Projekt läuft seit Oktober 2017. „Nicht jeder, der radikale Ideen vertritt, wird automatisch zu einem extremistischen Gefährder“, macht der Psychiater die Schwierigkeit bei der Einschätzung deutlich. Soll heißen: Gedanken allein machen noch niemanden zum Täter.

Einig sind sich Wissenschaftler darin, dass es bei der Radikalisierung keine entscheidende Rolle spielt, welcher Richtung sich jemand zuwendet: ob es um Rechts- oder Linksextremismus geht oder ob die radikale Einstellung politisch oder religiös motiviert ist.

Vielmehr geht es darum, was Jugendliche und Heranwachsende bei radikalen Gruppen finden, macht Allroggen deutlich: „Eine scheinbar einfache Antwort in einer komplexen Situation; die Zugehörigkeit zu einer Gruppe; und eine Aufgabe, beispielsweise den Kampf für eine gerechte Sache.“ Das könne ebenso der Kampf für eine islamistische Gesellschaftsordnung sein wie der Kampf gegen Überfremdung oder der Kampf gegen Großbanken.

Außerdem unterliegen Einstellungen auch dem gesellschaftlichen Wandel, daran erinnert der Ulmer Psychiater: „Vor 30 Jahren galt es beispielsweise als radikal, gleichgeschlechtliche Partnerschaften zu fordern. Heute ist das Konsens.“

Erkennbar wird die Radikalisierung, wenn jemand eine Haltung vehement vertritt. „Problematisch wird es aber erst, wenn sich die Einstellung so verfestigt, dass sie nicht mehr korrigierbar wird“, erläutert Allroggen. Dazu trägt bei, dass sich eine Gruppe nach außen abschottet. Und wenn sich die Haltung mit der Idee verbindet, „aktiven Widerstand zu leisten“.

Ihre Erkenntnisse haben die Ulmer Forscher aus Interviews gewonnen, die sie bundesweit mit inhaftierten Straftätern zwischen 18 und 25 Jahren sowie in spezialisierten Beratungsstellen geführt haben. Sie haben mit Experten gesprochen und berücksichtigen Literatur-Befunde aus anderen Ländern. Marc Allroggen: „Wir wollen herausfinden, an welchem Punkt die Täter noch erreichbar waren und was sie dort gebraucht hätten.“ Damit die Kette der Schritte, die letztlich zur Tat führen, unterbrochen werden kann. „Ein Mensch ist ja nicht plötzlich ein Mörder oder Terrorist, sondern hat lange Zeit ambivalente Gefühle.“

Schwierige Entscheidung

Das Gefährdungs-Projekt, wie die Mitarbeiter die Studie intern nennen und die auch mit Mitteln des Bundesinnenministeriums finanziert wird, läuft bis September 2020. Ziel ist es, Arbeitsmaterialien und Schulungskonzepte für Fachkräfte aus Heilberufen zu erstellen. Und es geht darum, ethische Leitlinien für die Behandelnden zu entwickeln, „wann bei radikalisierten Patienten die Schweigepflicht endet“, weist Allroggen auf einen kritischen Punkt hin (siehe Info-Kasten). Für Ärzte und Therapeuten geht es um eine schwierige Entscheidung, weil sie durch das Brechen der Schweigepflicht und das Weitergeben von Informationen über ihre Patienten deren Vertrauen zerstören.

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Zur Person PD Dr. Marc Allroggen (47) ist leitender Oberarzt, Sektionsleiter Institutsambulanz und Forensik der Kinder- und Jugendpsychiatrie der Uniklinik Ulm. Nach dem Medizinstudium in Bonn, Perugia, Verona machte er seinen Facharzt für Kinder- und Jugendpsychiatrie an den Rheinischen Kliniken. Er war Oberarzt an der DRK-Fachklinik in Bad Neuenahr und bildete sich zum tiefenpsychologischen Psychotherapeuten und in analytischer Psychotherapie weiter. Seit 2008 ist er in Ulm.