Großprojekte Streik auf der Sedelhöfe-Baustelle

Mitarbeiter des Zolls nahmen an der Baustelle der Sedelhöfe die Personalien der Bauarbeiter auf, die auf ihren Lohn warten. Die Rumänen  erhoffen sich Hilfe von den Ermittlungen des Zolls.
Mitarbeiter des Zolls nahmen an der Baustelle der Sedelhöfe die Personalien der Bauarbeiter auf, die auf ihren Lohn warten. Die Rumänen  erhoffen sich Hilfe von den Ermittlungen des Zolls. © Foto: Lars Schwerdtfeger
Ulm / Von Chirin Kolb 11.10.2018

Sie wissen nicht, wie es weitergeht: Rund 40 Bauarbeiter, die meisten aus Rumänien, standen gestern neben der Baustelle der Sedelhöfe – ohne Job, ohne Lohn, ohne Unterkunft. Sie hatten am Montag die Arbeit niedergelegt, weil sie laut eigenen Angaben seit sechs Wochen kein Geld mehr erhalten haben. Seit gestern sind sie ihren Job endgültig los. Der Hauptunternehmer Koha aus Berlin hat ihrem Arbeitgeber, dem Subunternehmer Cardoso, gekündigt.

„Es gab Terminverzögerungen und Qualitätsprobleme“, sagt Volker Hein, der als Projektsteuerer  von Koha für die Sedelhöfe-Baustelle verantwortlich ist. Deshalb habe Koha den Vertrag mit dem Nachunternehmen Cardoso, ebenfalls aus Berlin, am Dienstag gekündigt. Die Mitarbeiter der Baufirma berichten, ihr Capo habe ihnen gestern Morgen verkündet, dass Cardoso den Auftrag los sei. Anschließend sei er verschwunden und sei nicht mehr erreichbar. Auch in der Firmenzentrale in Berlin ging gestern niemand ans Telefon.

Hilfe erhoffen sich die Bauarbeiter vom Zoll. Mitarbeiter des Hauptzollamts Ulm waren gestern Nachmittag an der Baustelle, nahmen die Personalien der aufgebrachten und ratlosen Männer auf und ließen sich, soweit möglich, Lohnzettel zeigen. „Wir klären, ob bei den Beschäftigungsverhältnissen die deutschen Vorschriften wie Mindestlohn und Sozialversicherungspflicht eingehalten wurden“, sagte Sprecher Hagen Kohlmann. Die Prüfung umfasse auch die Berliner Firmenzentrale und werde einige Zeit in Anspruch nehmen.

„Das Geld kam unregelmäßig“

Er habe zwölf Euro pro Stunde verdient, mehr als den Mindestlohn, sagt einer der Bauarbeiter in gebrochenem Deutsch. Allerdings: „Das Geld kam unregelmäßig.“ Seit sechs Wochen hätten er und seine Kollegen keinen Lohn mehr erhalten. 3200 Euro stehen bei ihm aus, sagt der 42-jährige Rumäne. Der Bautrupp war in Wohnungen untergebracht, die offenbar Cardoso angemietet hatte. Dort sollen die Männer unverzüglich raus. „Der Vermieter hat gesagt: Morgen müssen wir draußen sein.“ Der Wohnungseigentümer habe seit zwei Monaten kein Geld mehr erhalten.

Seit Mai haben die Männer auf der Sedelhöfe-Baustelle gearbeitet. An die Firma Cardoso waren die Schal- und Betonarbeiten für das künftige Wohn- und Geschäftsquartier vergeben, das Auftragsvolumen lag laut Volker Hein von Koha bei rund 3,8 Millionen Euro. Bezahlt wurde nicht am Ende des Projekts, sondern etwa alle zwei Wochen. „Wir haben alle Forderungen von Cardoso ungekürzt bezahlt.“

Und das, obwohl Koha mit den Leistungen nicht zufrieden gewesen sei. Hein spricht von Zeitverzug und Mängeln. Trotz mehrerer Gespräche habe Cardoso das nicht abstellen können. Koha habe daraufhin vor sechs Wochen eine zweite Firma für die Schal- und Betonarbeiten dazu geholt. Sie übernehme nun das Ganze.

Mit dem Sedelhöfe-Bauherrn DC Developments sei ein beschleunigter Bauablauf vereinbart, um die Termine einzuhalten und die Fertigstellung nicht zu gefährden. Der Verzug sei gut aufzuholen, sagt Hein. „Wir stehen relativ am Anfang der Bauarbeiten.“ Die Baustelle laufe von heute an wieder normal weiter. Derzeit entsteht in der 18 Meter tiefen Baugrube die Tiefgarage. Die Gesamtfertigstellung soll im Frühjahr 2020 sein.

Koha hilft auch den Bauarbeitern, die jetzt mit leeren Händen dastehen. Das Unternehmen bezahlt freiwillig und aus eigener Tasche einen Abschlag auf den ausstehenden Lohn. Der 42-jährige Rumäne hat es schwarz auf weiß: Koha sagt ihm 1700 Euro zu. Das Geld sollte gestern noch ausgezahlt werden. Dann könnten die Bauarbeiter die Heimreise antreten. Ohne Job und ohne ihren restlichen Lohn.

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