Ulm / CHRISTINE LIEBHARDT, HANS ULI THIERER  Uhr
Von Oktober an wird gebaut und umgeleitet, was das Zeug hält. Alles für die neue Linie 2, die vom Kuhberg in die Wissenschaftsstadt fahren soll. Zeit also, dass Stadt und SWU ausführlich informieren. Mit einem Kommentar von Hans-Uli Thierer: Tal der Tränen ist kein Jammertal

„Es wird erhebliche Einschränkungen geben, und zwar für alle – Auto- und Radfahrer, Fußgänger und ÖPNV-Nutzer.“ Sagt Tim von Winning gradraus. Der Baubürgermeister weiß schließlich, was die Ulmer spätestens ab kommender Woche zu spüren bekommen werden: Die neue Straßenbahnlinie 2, die vom Kuhberg über den Bahnhof bis hinauf in die Wissenschaftsstadt fahren wird, wird nicht hingezaubert, sondern muss gebaut werden.

Und zwar mit allem, was dazu gehört: gesperrten Straßen, gefällten Bäumen und Umleitungen für, siehe oben, so ziemlich jeden, der sich im Straßenverkehr bewegt. Von Winning auf der Pressekonferenz weiter: „Wir werden jetzt erstmal sehr lange arbeiten, ohne dass man eine Straßenbahn erkennen kann.“

Eine Übersicht zu all dem, was sich mit dem Startschuss für die große Bauphase in der Stadt ändert und sonst noch wichtig ist:

Neutorbrücke/Kienlesberg Von kommender Woche an wird die Neutorbrücke stadtauswärts auch für den Individualverkehr gesperrt – voraussichtlich bis Frühjahr 2016. Umleitung analog zum ÖPNV über die Ludwig-Erhard-Brücke und B 10 zum Alten Fritz. Auch die Kienlesbergstraße bleibt bis Juni 2016 stadtauswärts gesperrt. Im Oktober wird mit dem Bau der neuen Straßenbahnbrücke begonnen, die in einem Bogen vom unteren Ende der Neutorbrücke über die Bahngleise hinweg hoch ins Lehrer Tal zum Alten Fritz führt.

Theater Hier finden vor allem unterirdische Vorbereitungsarbeiten statt. Die Theater-Tiefgarage wird abgedichtet, Wurzelstöcke der gefällten Bäume werden gerodet. In der Neutorstraße werden Kanäle verlegt. Plan für die Haltestellen am Theater: Sie werden theaterseitig Richtung Hauptbahnhof verlegt, die derzeitige Straßenbahnhalte stelle bleibt als Ersatz bestehen.

Hauptbahnhof Mit der Umstellung auf den neuen Fahrplan im Dezember halten fast alle Linien am Zentralen Omnibusbahnhof. Nur die Straßenbahn sowie die Linie 7, die in verdichtetem Takt den Michelsberg bedienen wird, fahren weiter über die Haltestelle Hauptbahnhof.

Eselsberg Knapp 450 Bäume werden jetzt schon gefällt, da nur von Oktober bis Februar gerodet werden darf. Etwa 20 Bäume können verpflanzt werden, 352 werden entlang der Strecke neu gepflanzt. In der Wissenschaftsstadt fallen 350 Parkplätze weg, allerdings erst mit Inbetriebnahme der Linie 2. 300 neue Parkplätze werden bereits jetzt gebaut. Von Januar an ist der Mähringer Weg einseitig bergab gesperrt. Umleitung stadteinwärts, dann über Bleicher Hag und Weinbergweg. Zur Multscherschule und zum Ruländerweg wird ein Pendelbus eingerichtet.

Kuhberg Auch am Kuhberg werden, wie berichtet, bis Dezember vor allem Vorarbeiten erledigt: Bäume werden gefällt, Kanäle verlegt, die Wendeschleife am Schulzentrum gebaut. Die Römerstraße wird zwischen Saarlandstraße und Unterer Kuhberg halbseitig Richtung Schulzentrum gesperrt. Umleitung über Saarlandstraße, Neunkirchenweg und Königstraße zum Egginger Weg. Die Linie 4 fährt bereits von Oktober an auf dieser Strecke, es gibt Ersatzhaltestellen.

Fahrzeuge Zwölf neue Straßenbahnen haben die Stadtwerke bei Siemens bestellt, Kosten: 31 Millionen Euro. Sie sind weitgehend baugleich mit dem bisherigen Fahrzeugtyp. Die erste neue Tram soll im Sommer 2017 fahren, zunächst als Linie 1. Zu den bisherigen zehn Kilometern Gleisen kommen 9,3 Kilometer neue Schienen hinzu, das Streckennetz verdoppelt sich also fast. Dazu gibt es 17 neue Haltestellen. Durch den Bau mehrerer Wendeschleifen in der Innenstadt, unter anderem am Ehinger Tor, sollen künftig mehr Passagiere mit der Tram in die Friedrichsau gefahren werden können.

Info Schon mal vormerken kann man sich den Termin für die zentrale Informationsveranstaltung Linie 2: 17. November, 19 Uhr, Kornhaus.

Neue Gemeindeverkehrs-Finanzierung: Noch herrscht keine Klarheit

Zurückhaltung Gedämpft kommentiert Ingo Wortmann, Chef von SWU Verkehr, eine vermeintlich frohe Kunde aus Berlin: Das Gemeindeverkehrsfinanzierungs-Gesetz (GVFG) wird über 2019 hinaus verlängert. Was das für den Straßenbahnausbau und weitere Ulmer Nahverkehrsprojekte bedeutet, steht nach seinen Worten noch nicht konkret fest. Es sei wohl so, dass der Bundesanteil von jährlich 333 Millionen Euro für Nahverkehrsvorhaben damit zwar längerfristig gesichert sei, nicht jedoch die Mittel, die die Länder den Kommunen zuschießen. Der Bund teilt dazu jährlich 1,3 Milliarden Euro unter den 16 Bundesländern auf, die dieses Geld ihrerseits projektbezogen vergeben. Für das Ulmer Straßenbahnprojekt bedeutete dies bisher, dass der mit 192 Millionen Euro veranschlagte Bau der Linie 2 – hinzu kommen 31 Millionen für zwölf neue Fahrzeuge und 13 Millionen für die Erweiterung des SWU-Betriebshofs – durch Bund und Land mit 85 Millionen Euro bezuschusst wird. Die restlichen 107 Millionen Euro trägt die Stadt selber, sie hat diese Summe weitgehend als Rücklage angespart. Bisher hieß es, bezuschusst wird nur, was bis 2019 gebaut und abgerechnet ist. Deswegen lastet Zeitdruck auf dem Straßenbahnausbau. Wortmann geht davon aus, dass der Zeitfahrplan weiter gilt und auch einzuhalten ist. Baubürgermeister Tim von Winning sagte, für begründete Kostensteigerungen könne mit Zuschuss-Nachschlägen gerechnet werden. Wohl aber kaum für Verteuerungen, deren Ursache – ganz nach der Erkenntnis, dass Zeit Geld ist – zeitliche Verzögerungen seien. Vorerst-Fazit im Rathaus und bei SWU: Genaues übers neue GVFG weiß man nicht. Also abwarten.

Ein Kommentar von Hans-Uli Thierer: Tal der Tränen ist kein Jammertal

Wer wollte Tim von Winning da widersprechen: Mit dem Straßenbahnbau kommen herbe Zeiten auf die Ulmer, ihre Gäste und Besucher Ulm zu. Bis 2019 werden alle Teilnehmer am Stadtverkehr bluten: Autofahrer, Nutzer des Nahverkehrs, Radler, sogar Fußgänger, letztere müssen vor allem in der nassen Jahreszeit auf durch Baufahrzeuge verdreckte Straßen und Wege gefasst sein.

Das Sprachbild, das der Ulmer Baubürgermeister am Montag prägte, hat Berechtigung: „Jetzt geht’s ins Tal der Tränen.“ Nicht aber ins Jammertal – ist angesichts der Perspektiven hinzuzufügen. Nicht nur der Nahverkehr und mit ihm die künftig durch einen leistungsstarken Schienenverkehr erschlossenen Schulzentren auf dem Kuhberg und die Wissenschaftsstadt werden von der Verdoppelung des Schienennetzes profitieren. Der eigentliche Zugewinn liegt in einem weiteren Stück Stadt. Kein anderes Verkehrsmittel erhöht die Urbanität und Zentralität mehr als die Straßenbahn.

Dies geschieht entlang einer städtischen Entwicklungsschiene, die dem Gewerbe und Wohnungsbau Perspektiven eröffnet. Und zwar überwiegend in bereits zersiedelten Räumen, also ohne, dass in unverbrauchte Landschaft eingegriffen werden muss. Das ist kein Abfallprodukt des Tramprojekts, auch wenn diese Erkenntnis erst im Planungsprozess reifte.

Aufs Tal der Tränen werden Höhen folgen – sofern Zeit- und Finanzpläne insgesamt im Rahmen bleiben.