Mit genügend krimineller Energie und Dreistigkeit ist es unfassbar leicht, an richtig viel Geld zu kommen. Zu diesem Schluss muss man nach dem Prozessauftakt gegen einen 24-Jährigen kommen, der sich seit Freitag vor der Ersten Großen Strafkammer des Landgerichts Ulm verantworten muss: wegen gemeinschaftlichen banden- und gewerbsmäßigen Betrugs – unter anderem in Ulm und Göppingen.

Als Geldabholer Prämien kassiert

Es geht um die Masche „falscher Polizist“, die seit geraumer Zeit bundesweit für Schlagzeilen sorgt. Bei dem in Ulm angeklagten jungen Mann handelt es sich allerdings nur um ein kleines Licht. Laut Staatsanwaltschaft soll er als „Geldabholer“ fungiert haben und dafür Prämien zwischen 3000 und 7000 Euro pro Fall kassiert haben. An die eigentlichen Hintermänner und Logistiker heranzukommen, dürfte deutlich schwieriger werden. Sie werden in der Türkei vermutet.

Gutgläubige Opfer um 400.000 Euro gebracht

Das Ausmaß der kriminellen Machenschaften ist immens, das wurde bei der 35 Minuten dauernd Anklageverlesung deutlich. Zwölf Fälle in der Zeit zwischen März und Juni 2019 werden dem Angeklagten zur Last gelegt, alle spielten sich auf ähnliche Weise ab. In der Summe wurden die gutgläubigen, eingeschüchterten und mehrheitlich betagten Betrugsopfer um nahezu 400.000 Euro gebracht.

Rückruf auf 110-Fake-Nummer

Ein Anruf bei den Senioren daheim markierte stets den Anfang. Am Telefon war dann ein Mann, der sich meist als „Kriminaloberkommissar Wolfgang Bach“ ausgab. Er berichtete von Einbrecherbanden in der Nachbarschaft und gefundenen Listen, auf denen auch der Name des Angerufenen stehe. Waren die Senioren skeptisch, wurden sie aufgefordert, die 110 zu wählen. Was viele taten – allerdings ohne vorher lange genug aufgelegt zu haben. Und so wurden sie unter der listig geschalteten Fake-Nummer sogleich wieder mit „Kommissar Bach“ oder einem seiner Chargen verbunden.

Falsche Polizisten tischen am Telefon perfide Lügen auf

Die falschen Polizisten am Telefon tischten perfide Lügengeschichten auf, speziell jene: Bankmitarbeiter der Hausbank des Angerufenen steckten mit den Einbrecherbanden unter einer Decke. Das habe man bei „kriminalpolizeilichen Ermittlungen“ herausgefunden. Deshalb sei es notwendig, Geld und andere Wertsachen sofort vom Sparbuch abzuheben oder aus dem Bank-Safe zu schaffen und nach Hause zu bringen. Was die Betrugsopfer taten. Mal waren es 39 000 Euro, mal Goldbarren im Wert von sage und schreibe  50 000 Euro.

Schwer nachzuvollziehen ist die Blauäugigkeit, mit der sich die Senioren auf das weitere Prozedere einließen – aber offensichtlich waren sie von den permanenten Telefonanrufe durch die „Polizei“ völlig überrumpelt.

Bargeld am Hauseingang deponiert

Meist erhielten sie sodann den Auftrag, das Bargeld am Hauseingang in einer Mappe oder einer Plastiktüte zu deponieren. Ein Polizist in Zivil werde das Geld sicherstellen. Laut Anklage wurde der 24-Jährige von einem zur Bande gehörenden „Logistiker“ sodann zu den jeweiligen Häusern beordert, wo er das Geld mit dem Auto abholte. Seine weitere Aufgabe bestand darin, nach Dortmund, Essen oder Augsburg zu fahren, wo er die Beute einem Mittelsmann übergeben musste. Als „Lohn“ erhielt er pro Geldübergabe 3000 Euro, bei Gold oder Schmuck entsprechend mehr.

Am ersten Verhandlungstag machte der Angeklagte – zuletzt Postzusteller und im Alb-Donau-Kreis wohnend – lediglich Angaben zur Person. Zur Sache will er sich am zweiten Verhandlungstag äußern. Der Prozess wird am Freitag, 30. Januar, fortgesetzt.

Auf Opfer-Aussage soll verzichtet werden


Ablauf Für das Verfahren sind vier Verhandlungstage vorgesehen. Nach den Worten des Vorsitzenden Richters Wolfgang Fischer soll nach Möglichkeit darauf verzichtet werden, die ums Geld geprellten Opfer vor Gericht als Zeugen zu hören – auch wegen ihres teilweise hohen Alters. Stattdessen sollen Polizeibeamte vor Gericht die Vernehmungsprotokolle vorlesen. Urteilsverkündung ist am 13. Februar.