Ulm Strado Compagnia Danza mit dem Abend "Fremd 4.0" im Stadthaus

Domenico Strazzeris Tanzabend "Fremd 4.0" zeigt starke Bilder trotz einfacher Kostüme.
Domenico Strazzeris Tanzabend "Fremd 4.0" zeigt starke Bilder trotz einfacher Kostüme. © Foto: Matthias Kessler
Ulm / UDO EBERL 02.01.2016
Choreograf Domenico Strazzeri setzt sich im Stadthaus nochmals mit dem Thema Zuwanderung auseinander. In "Fremd 4.0" warten er und seine Tänzer mit Flüchtlingsgeschichten und getanzter Reflexion auf.

Als Künstler überlegt man es sich nicht nur zweimal, ob man ein bereits bearbeitetes Thema noch einmal aufgreift. Zumal wenn die Konzeption für ein neues Stück bereits steht. Der nicht abreißende Flüchtlingsstrom berührte den Choreografen Domenico Strazzeri dann aber doch emotional so sehr, dass er sich im Sommer dazu entschloss, mit der Tanzperformance "Fremd 4.0" ein ganz persönliches Statement abzugeben. Sein Team wie auch Stadthaus-Chefin Karla Nieraad waren schnell zu begeistern, der inhaltliche große Brocken wurde angegriffen und zwar keineswegs als leicht veränderte Wiederaufnahme der drei Jahre zuvor inszenierten Performance "Der Fremde in der Fremde fremd".

Strazzeri-Fans wurden unter anderem bei der Koffer-Szene und dem Denksport-Kinderspiel Kofferpacken an die Migrationsperformance erinnert, doch es gab viele neue Szenen zu sehen. Und von Beginn an wurde mit offenen Karten gespielt. Es lag auf der Hand, dass die anfängliche balkanesque Ausgelassenheit und Volkstanz-Fröhlichkeit vom Kugelhagel erstickt werden würde. Doch schon hier wurde in den Lichtpunkten der Suchscheinwerfer klar: Längst kann man nicht mehr nur in Kriegen und Konflikten zum Opfer werden. Die Bedrohung ist allgegenwärtig.

Das chronische Unbehagen wurde von der siebenköpfigen Strado Compagnia Danza auf der Stadthaus-Bühne begleitet von synthetischer Orchestrierung eingefangen. Blut und Traumata einfach wegzuwischen, schlicht unmöglich. Liebesschwüre und -dramen im ergreifenden Pas de deux von Marcella Centenero, der auffälligsten Tänzerin des Abends, und Alessio Damiani: "Ach hätt' ich Dir längst doch gesagt." Aber nichts bleibt wie es ist und "nichts ist schlimmer als übrig bleiben", wie Hanna Münch deklamiert. Sie, die feste Größe in Strazzeris Ensemble und auch im Kabarett erprobt, lebt die eindringlichen Texte, eine Schauspielerin ist sie nicht. Die Berührung könnte noch eindringlicher sein.

Die große Stärke Strazzeris liegt im Fluss der starken Bilder, und die greifen, obwohl Bühne und Kostüme eher schlicht gehalten sind. Stille Aufschreie im Tanzformat, Nepper, Schlepper und Flüchtlingsfänger all überall, ein Floß aus Koffern in Richtung Lampedusa und das vermeintliche Paradies unterwegs - angetrieben von einer Arie und dem "Ruf nach Freiheit". In Warmhalte-Folien gehüllt werden die Tänzer zu güldenen und nervös raschelnden Skulpturen des nahen Schreckens. Mit "Schlaf Fremder schlaf" bekommen ausgekühlte Kleinkinder und Flüchtlingseltern ein Wiegenlied gesungen, das die Waage zwischen Zynismus und purer Hilflosigkeit hält. Der Organismus der Angst lebt und bebt, der Clash der Kulturen lässt optisch wie musikalisch Hoffnung aufkeimen

Doch am Ende sind da immer wieder auch die Grenzen im Kopf und in den Herzen. Absperrbänder kommen aus Mündern und Händen der Tänzer, durchziehen den Spielraum. Überall Begrenzung, aber auch Berührungsängste. Man muss man der Compagnia gratulieren: Das Wagnis, sich so spontan und intensiv einem der brennendsten Themen unserer Zeit anzunehmen, hat sich gelohnt.

Info Gezeigt wird "Fremd 4.0" wieder am Samstag, und Sonntag, sowie vom 6. bis 10. Januar und 13. bis 16. Januar, jeweils 20 Uhr. Karten gibt es im Vorverkauf im Stadthaus am Katalogstand, Ebene 3, sowie bei Traffiti im Service-Center Neue Mitte. Von jeder Eintrittskarte gehen zwei Euro an ein Flüchtlingshilfsprojekt.

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